Prächtig sind die Motten

Artikel vom 01.05.2002  —  Autor: Lynne Warren  —  Bilder: Joseph Scheer

Bei seiner ersten Mottenjagd ließ Joseph Scheer einfach abends das Fenster offen. Am nächsten Morgen sammelte er alles ein, was da über Nacht hereingeflogen war. Es waren eine Menge Motten.

Weil sich die Raumpflegerinnen seines Arbeitszimmers in der Alfred-Universität über die ekligen Insekten beschwerten, musste Scheer seine Jagdgründe in den Garten seines Kollegen Mark Klingensmith verlegen. Über einem 20-Liter-Eimer hängten die beiden mehrere Lampen auf und ließen das Licht auf ein weißes Betttuch fallen. "Im ersten Jahr entdeckten wir jeden Abend eine andere Art", sagt Scheer. "Die vielen Muster und Farben haben uns völlig überwältigt."

Aus einem Scanner, der für Filme und Großdias gedacht war, entwickelte Klingensmith, Technikexperte am Institut für Elektronische Kunst der Universität, ein dreidimensionales Gerät, um Motten aufzunehmen. Bei einer Auflösung von 8200 DPI (Dots Per linear Inch) dauert das Scannen eines einzigen Exemplars bis zu 20 Minuten und erzeugt riesige Bilddateien: zwei kleine Motten, und eine CD-ROM ist voll. Mit einer derart hohen Auflösung können die Bildinformationen um das 27fache vergrößert werden, ohne dass die Schärfe beeinträchtigt ist: Motten von der Größe einer Fingerspitze füllen dann einen Papierbogen von 86 mal 116 Zentimetern. Bei jedem Schritt vom Scanner über den Monitor zum Drucker vergleicht Scheer das digitale Resultat mit dem Originalexemplar unter dem Mikroskop. "Jede Motte", sagt er, "erfordert stundenlange Arbeit durch die Farbkorrekturen auf dem Scan und die Abstimmung des Druckers, damit das Bild am Ende wirklich mit der Motte übereinstimmt. Es muss alles perfekt sein."

Das Sammeln der Insekten beginnt am ersten warmen Abend im April und endet in der letzten frostfreien Dämmerung im November. Die Schätze der Nacht werden jeweils in einer Butterbrotdose verstaut. Mit ein wenig Alkohol halten die beiden Hobbyforscher die Funde feucht und biegsam, bis sie für das Scannen präpariert werden. Mittlerweile mehren sich zu Hause und im Institut in den Kühlschränken die Behälter, überall stapeln sich Styroporblöcke, auf denen Mottenflügel mit Stecknadeln befestigt sind, und die CDs füllen die Regale und die Pappkartons auf dem Fußboden.

15 000 Exemplare von mehr als 1000 verschiedenen Arten hat Scheer gesammelt und katalogisiert. "Und sie stammen nicht aus Alaska oder aus dem Amazonasgebiet", sagt Mark Klingensmith, "sondern alle aus einem einzigen Garten. Es ist ein ganz gewöhnlicher Garten - aber sehen Sie sich mal an, was für eine Vielfalt wir dort gefunden haben."


(NG, Heft 5 / 2002)
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