Sieg über Rom

Artikel vom 01.03.2002  —  Autor: Erwin Brunner
Archäologiepark Kalkriese, Schauplatz der Varusschlacht

Bild: Hubertus Wilker/Museum und Park Kalkriese Vergrößern

Der Auftritt muss von solcher Macht und Pracht gewesen sein, wie ihn dieses Land noch nie gesehen hatte. Vorneweg Reiter in blitzenden Rüstungen, behelmt und lanzenbewehrt. Dann die Feldzeichenträger. Die Trompeter. Danach, in dichten Reihen, ein schier endloses Gewoge bewaffneter Fußsoldaten. Dahinter Wagengespanne mit Ausrüstung, Proviant, Hausrat. Mit Handwerkern, Köchen, Ärzten, Landvermessern, Beamten: mit Frauen, Kindern, Sklaven. Drei römische Legionen samt Tross, drei Reitereinheiten und sechs Kohorten Hilfstruppen - an die 20 000 Menschen, eine viele Kilometer lange Kolonne. Mittendrin, hoch zu Ross, eskortiert von Leibwächtern, Roms neuer Oberbefehlshaber in Germanien: Publius Quinctilius Varus. Längsseits Einheiten zu Pferd, zuständig für Flankenschutz und Aufklärung. Einen dieser Trupps befehligt Arminius, ein junger Häuptlingssohn vom Stamm der Cherusker.

Illustration der Varusschlacht

Bild: Lee Montgomery/Illustration Ltd. Vergrößern

In diesem imposanten Marschzug erregt die Meldung eines Kuriers kein besonderes Aufsehen: Weit voraus haben Germanen einen Aufstand angezettelt. Arminius und seine Reiter brechen unverzüglich auf. Um die Revolte niederzuschlagen. Wieder eine Meldung, diesmal von Arminius : Bin mit meiner Truppe in Bedrängnis, erbitte dringend Hilfe! Varus möge seine Legionen gegen den Feind führen, schon ihr Anblick werde die Germanen entmutigen.

Arminius treibt ein doppeltes Spiel. Die Aufständischen, die zu bekämpfen er vorgibt, stehen unter seinem Befehl. Am nächsten Morgen gibt Varus - wie von Arminius eingeplant - seiner Marschkolonne den Befehl zum Wenden. Nach Nordwesten. In die Wälder. In den Tod. In den Engpass von Kalkriese.

Gemma Augustea

Bild: AKG Berlin/Erich Lessing Vergrößern

Bis heute weiß man nicht mit letzter Sicherheit, auf welchen Wegen Arminius die Römer durch das Hügelland bei Osnabrück ins Verderben lockte. Aber man kennt den Ort, den er für das grausame Finale seines verwegenen Plans ausersehen hat.

"Dieser Engpass ist einfach genial für einen Hinterhalt", sagt die Archäologin Susanne Wilbers-Rost, als sie mich an einem verregneten Novembertag auf das Schlachtfeld am Fuß des Kalkrieser Bergs begleitet. Drei Tage lang greifen hier die Germanen den Zug der Römer von den Flanken her an. Zerhacken diese Kriegsmaschine wie einen verhassten Giftwurm. Varus und viele seiner Offiziere stürzen sich in der zweiten Nacht ins Schwert: um der furchtbaren Schmach einer Niederlage zu entgehen - und diesem schändlichen Untergang. Am Ende ist Rom so vernichtend geschlagen wie seit Hannibals Sieg bei Cannae im Jahr 216 v. Chr. nicht mehr.


(NG, Heft 3 / 2002)
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