Bild: Steve McCurry Vergrößern
Norbu Choden schaut seiner Tochter zu, die auf einer selber gezimmerten Leiter vor dem neuen Blockhaus der Familie steht und die rot-gelben Zierstreifen lackiert. Er lächelt zufrieden. Endlich habe er begriffen, sagt er, dass man die Chinesen nicht aus Tibet hinausdrängen kann, dass sie den Tibetern aber auch nicht helfen werden. "Wenn einem das klar ist", sagt er, "weiß man, dass man seine Zukunft in die eigene Hand nehmen muss." Mit Chinesen als Vorbild. Deswegen hat Norbu sein Hirtenleben aufgegeben und ist Zwischenhändler geworden. Fast seine gesamten 48 Lebensjahre im Osten Tibets hatte er zottige Yaks über Hochgebirgswiesen getrieben, sich von Fleisch und Butter der Tiere ernährt und in einem Zelt gelebt, das aus ihrer groben schwarzen Wolle gewebt war. Jetzt überlässt er anderen die schwere Arbeit, während er mit Gewinn kauft und verkauft.
Bild: Steve McCurry Vergrößern
Für mich sind Norbus Erfahrungen erste Anzeichen einer Entwicklung, die zu einem großen Wandel in Tibet führen könnte. Seit ich das letzte Mal hier war, ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen. Meine Vorstellungen vom heutigen Tibet waren zunächst durch den gut organisierten Informationsapparat der Exilregierung geprägt. Tibeter im Ausland ignorieren beinahe jeden Fortschritt in ihrer Heimat, und so war ich auf eine vom Untergang bedrohte Kultur vorbereitet. Menschen wie Norbu anzutreffen überraschte mich. Sie gehören einer Schicht von Tibetern an, die es früher nicht gab und von der man heute außerhalb Tibets so gut wie nichts weiß.
Doch es gibt auch die moderne Welt: Mönche mit Sonnenbrillen auf Motorrädern, Nomadenzelte mit Solaranlagen, Lehmziegelhäuser mit Satellitenschüsseln. Auch die Religion wird wieder öffentlich gelebt. Die größte Veränderung in China hat mit der neuen wirtschaftlichen Freiheit zu tun: Die Menschen werden geistig unabhängig, und die Tibeter beginnen zu folgen, langsam und ängstlich. Es fällt ihnen nicht leicht, aktiv zu werden, denn der Buddhismus hat sie erzogen, sich mit ihrem Los zu bescheiden und auf das Glück im nächsten Leben zu warten.
Bild: Steve McCurry Vergrößern
Trotz erster Zeichen von Unternehmergeist sind die Tibeter von politischer Selbstbestimmung noch Welten entfernt. Und auch wenn viele es ungern akzeptieren: Die Chinesen werden bleiben. So wie die meisten Amerikaner überzeugt sind, rechtmäßige Besitzer des Landes zu sein, das einst den Indianern gehörte, beanspruchen die Chinesen Tibet als rechtmäßigen Teil ihres Mutterlands. Sie würden Tibet den Tibetern ebenso wenig zurückgeben wie die Vereinigten Staaten South Dakota den Sioux.
So reiben sich in diesem Land zur Zeit das Alte und das Neue, die Kräfte der Tradition und des Wandels aneinander. Niemand, so ist mein Eindruck, sehnt sich nach der alten, oft ausbeuterischen Theokratie zurück. Aber es will auch niemand, dass die Chinesen in Tibet bleiben. Die Tibeter vermissen die alten Zeiten nicht. Sie wollen einfach nur Herr im eigenen Land sein.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus