Voll in Pose

Artikel vom 01.09.2002  —  Autor: Tim Clutton-Brock  —  Bilder: Mattias Klum
Erdmännchen genießen ein Sonnenbad

Bild: Mattias Klum Vergrößern

Ein Abend in der Kalahari. Im goldenen Licht der untergehenden Sonne blickt "Juma", ein junges Erdmännchen, über das sandige Flussbett des Nossob: nichts als das Flimmern der heißen Luft und das Bellen der Geckos. Sechs Junge, deren Augen erst seit kurzem geöffnet sind, nuckeln - in der Hoffnung auf Milch - an seinem Bauch. "Juma" beaufsichtigt sie schon seit dem frühen Morgen; und ohne auf seinen eigenen Hunger zu achten, sucht er den Himmel nach Adlern ab, die Uferböschungen nach Schakalen, Schlangen und Fuchsmangusten. Auch vor benachbarten Erdmännchen muss er sich in Acht nehmen, denn sie töten den Nachwuchs, wenn sie ihn unbewacht finden.

In einem großen Rudel - das können bis zu 40 Erdmännchen sein - wäre der gerade mal sechs Monate alte "Juma" zu jung zum Babysitten. Aber in seiner kleinen Gruppe gibt es nur fünf Erwachsene, so ist auch er hin und wieder mit Aufpassen an der Reihe. Von insgesamt zehn Erdmännchenrudeln kennen wir "Juma" und seine Familie am besten. Fünf Jahre lang habe ich mit meinem Team - Biologen der Universitäten Cambridge und Pretoria sowie einigen Studenten - Erdmännchen im heutigen Kgalagadi-Park beobachtet.

Schlafende Erdmännchen Jungen

Bild: Mattias Klum Vergrößern

Von unserer Langzeitstudie über Erdmännchen (von 1993 bis 1998) erhofften wir entscheidende Aufschlüsse über die Evolution des kooperativen Verhaltens bei Säugetieren. Nach der Evolutionslehre bemisst sich der Erfolg eines Individuums an der Zahl seiner Nachkommen. Manche Erdmännchen pflanzen sich aber selber gar nicht fort, sondern widmen ihr Leben ganz oder teilweise der Aufzucht von fremden Jungen.

Ein solches, scheinbar selbstloses Verhalten findet man nur bei sehr wenigen Säugetieren: bei Mullen, Krallenäffchen, Afrikanischen Wildhunden und bei weiteren Schleichkatzenarten, also Verwandten der Erdmännchen. Zu ihnen gehören zum Beispiel die Zwergmungos, die ebenfalls im Süden Afrikas leben.

Vier Wochen alte Erdmännchen

Bild: Mattias Klum Vergrößern

Die Besonderheit dieser Tierarten, ihre Jungen kollektiv groß zu ziehen, wirft viele Fragen auf, unter anderem auch die nach den Wurzeln des kooperativen Verhaltens unserer eigenen Gesellschaft. Warum verlassen geschlechtsreife Jungtiere nicht die Gruppe ihrer Eltern, um sich selber fortzupflanzen? Warum investieren sie Zeit und Energie, um Artgenossen bei der Kinderpflege zu helfen? Warum nehmen sie dafür sogar Risiken in Kauf? Wie teilen die Gruppenmitglieder die Pflichten untereinander auf? Und wie sorgen sie dafür, dass sich keiner drückt?


(NG, Heft 9 / 2002)
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