Welt aus Wald

Artikel vom 01.06.2002  —  Autor: Fen Montaigne  —  Bilder: Peter Essick

Die Moldanows vom Volk der Chanten gehören zu den Ureinwohnern Sibiriens. Zwei Tage lang war ich Gerüchten nachgegangen, dass in dieser Gegend angeblich noch Menschen als Jäger und Sammler leben. In der Region von Surgut, an der nördlichsten Grenze einer Region, in der sonst nach Öl und Gas gebohrt wird, hatte ich von Prospektoren schließlich den Tipp bekommen, der zwei russische Wissenschaftler und mich zu den Moldanows führte.

Oleg Moldanow ist ein kleiner, schwarz gekleideter Mann mit dunklem Teint. Er lädt uns zum Bleiben ein, während er und seine Familie ihr Lager aufschlagen. Es liegt in einer Kiefernlichtung ohne Unterholz. Der Boden ist mit einem hellgrünen Flechtenteppich bedeckt, der zu einem Nickerchen aufzufordern scheint. Die Huskys verbellen ein Eichhörnchen oben im Baum, die Familie lädt ihre Lasten ab, macht Feuer unterm Teekessel und bedeckt dann ein vier Meter hohes Zeltgerüst mit einer sandfarbenen Plane. Der Waldboden ist übersät von Kiefernzapfen. Ihre energiereichen Kerne helfen den Eichhörnchen ebenso über den Winter wie den Chanten. Jetzt, um halb sieben, leuchten die Bäume golden im Licht der untergehenden Sonne. Ich erkunde den See und die umliegenden Marschen. Der Ort kommt mir vor wie eine Insel unberührter Natur, aber ringsum branden die Wellen der technischen Erschließung heran. Das Land der Moldanows und der anderen 23 000 Chanten schrumpft.

Borealer Wald, so nennt sich das Ökosystem, in dem Oleg lebt. Der Name ist von Boreas abgeleitet, dem griechischen Gott des Nordwindes. Die boreale Zone reicht entlang des nördlichen Polarkreises rund um den Globus. Sie umfasst ein Drittel der gesamten Waldfläche der Erde. Die Hälfte davon liegt in Russland, ein Drittel in Kanada, der Rest verteilt sich auf Alaska und Skandinavien.

Der Urwald des Nordens beginnt dort, wo Eiche und Ahorn, die Bäume der gemäßigten Zone, verschwinden. Und er reicht teilweise bis weit nördlich des Polarkreises, wo er schließlich mit verkrüppelten Lärchen und Birken in die baumlose Tundra übergeht. Wenn der Tropenwald den linken Lungenflügel der Erde darstellt, dann ist der boreale der rechte. Beide zusammen spielen bei der Regulierung unseres Klimas eine Schlüsselrolle.

Ich habe beide Ökosysteme - in der Fachsprache: Biome - mehrfach ausgiebig bereist, die üppigen Tropenwälder Südamerikas und die Taiga Sibiriens. Ich ziehe dem Dschungel den zurückhaltenden Charme des borealen Waldes vor; die endlose Weite seiner Seen, die vielen Grüntöne: die blasse Rentierflechte, das Schwarzgrün der Fichte, die fast smaragdartigen Nuancen von Birke und Pappel. Doch mehr als alles andere liebe ich das Licht der Nordwälder: die Strahlen der tief stehenden Sonne, die an Sommerabenden lange Schatten wirft und die Landschaft wie ein Kristall zum Leuchten bringt.


(NG, Heft 6 / 2002)
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