Afghanistan zwischen Krieg und Frieden

Artikel vom 01.11.2003  —  Autor: Edward Girardet  —  Bilder: Steve McCurry

Zwei, manchmal sogar drei Ernten sind für viele Bauern ausgefallen, weil sie keinen Weizen anpflanzen konnten; vier Millionen Hektar Land, mehr als die Hälfte der Ackerfläche in Afghanistan, werden nur durch Regen bewässert. Andere Bauern mussten ihr Vieh verkaufen, um zu überleben. Die Wasserreservoire der Hauptstadt Kabul schmolzen auf gerade noch knöcheltiefe Pfützen zusammen, nicht einmal so groß wie Fußballfelder. Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahren Erdbeben im Norden ganze Dörfer vernichtet, Tausende Tote und Verletzte gefordert haben. Die Folgen der Naturkatastrophen sind nicht von denen des Kriegs zu trennen. Vor zwei Jahren stürzte eine Allianz unter Führung der USA das Regime der Taliban - jener radikalislamischen Bewegung, die das Land seit 1996 regiert hatte. Doch dies war nur die jüngste Episode in einem Vierteljahrhundert voller Turbulenzen.

Die Tragödie begann im Sommer 1978 mit einem Aufstand gegen die Demokratische Volkspartei Afghanistans, die einige Monate zuvor mit einem Staatsstreich die Macht übernommen hatte. Als sich die Kämpfe ausweiteten, eilte die Sowjetunion dem bedrängten kommunistischen Regime zu Hilfe. Am 27. Dezember 1979 rückten ihre Truppen ein - und lösten einen brutalen Guerillakrieg gegen die Okkupation aus. Bis Mitte der achtziger Jahre flüchteten mehr als fünf Millionen Afghanen, ein Drittel der Bevölkerung, nach Pakistan, in den Iran und in andere Länder. Es war eine der größten Massenfluchten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Bis zum Abzug der Sowjets 1989 kamen schätzungsweise anderthalb Millionen Menschen ums Leben. Im folgenden Machtkampf unter den siegreichen Guerillagruppen wurden in Kabul weitere 50 000 Afghanen getötet - meist durch willkürliche Bombenangriffe der Truppen von Gulbuddin Hekmatjar, einem islamischen Extremisten, der in den achtziger Jahren bei seinem Kampf gegen die Sowjets von den USA unterstützt worden war. Weitere vermutlich 3000 bis 4000 Zivilisten haben ihr Leben verloren, als die USA und ihre Verbündeten die Taliban entmachteten.

Nun endlich hat das Land eine - wenn auch nur schwache - Chance auf Frieden und Stabilität. Mohammed Awrang, ein hagerer ehemaliger mudschahed ("Gotteskrieger"), widmet sich Entwicklungsprojekten in der nordöstlichen Provinz Badachschan. "Wir, die einfachen Afghanen, müssen den Frieden sichern", sagt er. "Wer sonst sollte es tun?" Einstweilen sind die Afghanen auf Tausende ausländischer Soldaten und Entwicklungshelfer angewiesen, die den Frieden erhalten und den Wiederaufbauplan der internationalen Gemeinschaft umzusetzen versuchen - eine gewaltige Aufgabe, die nach Schätzungen von UN und Weltbank im Laufe der nächsten zehn Jahre zwischen zehn und 17 Milliarden Euro kosten wird.

Seit Anfang 2002 sind auch deutsche Soldaten in Kabul stationiert; nach dem Willen der Bundesregierung sollen sie zudem in der Provinzhauptstadt Kundus für Sicherheit sorgen.


(NG, Heft 11 / 2003)
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