Antarktis

Artikel vom 01.01.2003  —  Autor: Barry Lopez

Ein feuchter Herbstabend in Portland im amerikanischen Bundesstaat Oregon. Ich saß in einer Aufführung von "Terra Nova", einem Theaterstück über Robert Falcon Scotts Expedition zum Südpol in den Jahren 1911/12. Auf der Bühne wurden die unglaublichen Strapazen dieser Reise in eine entlegene, lebensfeindliche Region geschildert: Strapazen, die ich bereits am eigenen Leib erfahren hatte. Plötzlich wurde mir bewusst, was für ein Privileg es für mich war, Reiseschriftsteller zu sein. Ich habe im Transantarktischen Gebirge in Zelten kampiert und musste Kocher mit Kerosin betreiben, das wegen der großen Kälte so dickflüssig wie Maschinenöl war. Nichts davon gab mir das Gefühl, besonders bedeutend oder gar einzigartig zu sein. In Zeiten von Flugverkehr und staatlichen Forschungsgeldern war ich einfach nur ein Teil der privilegierten Vorhut an diesem Ort, den einige Australier auch "down under Down Under" nennen.

In der Antarktis lebten nie Ureinwohner, Pässe sind dort überflüssig. Im Ozean, der sie umgibt, wimmelt es noch von Leben - was in weiten Teilen von Atlantik und Pazifik nicht mehr der Fall ist. Unerforschte Täler und unvermessene Berge gibt es im Überfluss in dieser Wüste aus weißem Brokat. Was suchen wir hier eigentlich? Bisher beschränken sich touristische Reisen im Wesentlichen auf die Antarktische Halbinsel, den "Bananengürtel" des Kontinents, knapp 1000 Kilometer südlich von Kap Hoorn. Doch je mehr eistaugliche Kreuzfahrtschiffe es gibt, je mehr Treibstofflager auf diesem Kontinent gebaut werden, desto weiter werden wohlhabende Touristen ins Eis vordringen. Der früher unzugängliche Südpol, die McMurdo-Trockentäler, das Vinson-Massiv im Ellsworth-Gebirge, ja sogar der berüchtigte Beardmore-Gletscher, über den die frühen Polarexpeditionen zogen. Sie alle könnten bald Reiseziele sein.

Als ich an diesem Abend in Anzug und Krawatte im Theater saß und zusah, wie Scott und seine Crew vom Schneesturm eingeschlossen in ihrem Zelt starben, fiel mir der letzte schriftlich überlieferte Satz des Expeditionsleiters ein: "Um Gottes willen, sorgt für unsere Leute." Wen könnte er, abgesehen von Angehörigen und Freunden, gemeint haben? Wir reisen heute unter anderem, um wieder das Staunen zu lernen, eine Fähigkeit, die unter dem Druck des modernen Lebens immer mehr verschwindet. Die Antarktis, wo die Weißtöne ebenso fein abgestuft sind wie die Blauschattierungen des Himmels, kann in uns ein neues Verantwortungsgefühl wecken. Und die Einsicht, dass die Erde ein Geschenk ist - und nicht eine Ware.


(NG, Heft 1 / 2003)
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