Atacama - Wo es niemals regnet

Artikel vom 01.08.2003  —  Autor: Priit J. Vesilind  —  Bilder: Joel Sartore

Das Kind sitzt ganz gerade, die Knie angewinkelt; es trägt wollene Kleidung und einen schwarzen, fein gewebten Hut mit vier Spitzen und einer kleinen Feder. Neben ihm liegen ein Korb mit jungen Maiskolben, ein geknotetes Tragenetz und eine aus dem Kieferknochen eines Lamas geschnitzte Hacke. Braunes, geflochtenes Haar lugt unter einer Metallmaske hervor, die im Jenseits böse Geister abwehren sollte. Bevor Archäologen 1985 diese winzige Leiche entdeckten, hatte die Sonne der chilenischen Atacama mehr als 500 Jahre lang auf die ungeschützte Grabstelle niedergebrannt. Die Mumie gehörte zu einer einst zwischen dem Pazifik und den Anden lebenden Kultur, der es gelang, in einem Land zu überleben, wo es eigentlich kein Leben geben dürfte.

Die Atacama, die sich über 1000 Kilometer von der Südgrenze Perus in den Norden Chiles zieht, erstreckt sich von einem schmalen Küstensockel zu den Pampas - es sind Ebenen, praktisch ohne Leben, durchzogen von tief eingeschnittenen Flusstälern voller Mineralablagerungen aus den Anden. Die Pampas steigen schräg zum Altiplano, den Vorbergen der Anden, wo ausgeschwemmte Salzpfannen den schneebedeckten, bis zu 6100 Meter hohen Vulkanen Platz machen. In ihrem Zentrum, einem Ort, den Klimatologen "absolute Wüste" nennen, liegt die Atacama, die trockenste Region der Erde. Dort gibt es unwirtliche Landstriche, in denen noch nie Regen gemessen worden ist - zumindest, solange Menschen solche Aufzeichnungen machen. Kein Grashalm oder Kaktusstumpf, keine Eidechse, keine Mücke ist zu sehen. Aber man findet die Überreste von fast allem, was zurückgelassen wurde. Die Wüste mag lebensfeindlich und unbarmherzig sein, aber sie ist ein wohlwollender Bewahrer. Ohne Feuchtigkeit verrottet nichts. Alles verwandelt sich in Artefakte. Sogar kleine Kinder.

Daher ist man erstaunt, dass heute in der Atacama mehr als eine Million Menschen leben. Sie drängen sich in Küstenstädten, Bergwerken, Fischerdörfern und Oasensiedlungen. Astronomenteams aus aller Welt machen sich den absolut klaren Himmel zu Nutze und dringen mit ihren Teleskopen von hier in den Kosmos vor. Im äußersten Norden verwenden Bauern moderne Berieselungsanlagen und bauen Oliven, Tomaten und Gurken an; dabei nutzen sie das Wasser aus den Wasser führenden Schichten.

Auf dem Altiplano hüten die Nachkommen der präkolumbischen Ureinwohner (meist Aimara- und Atacama-Indianer) Lamas und Alpakas und ziehen Feldfrüchte mit Hilfe von Schmelzwasser.

Im tiefen Süden, in der chilenischen Hauptstadt Santiago, halten die Stadtbewohner die Wüste immer noch für Ödland, immun gegen die Folgen der Umweltverschmutzung. "Es gibt viele Vorurteile und zu wenig Wissen über die Wüste", beschwert sich Patricio Fischer, ein Biologielehrer aus Iquique, einer der Städte im Norden. "Die Menschen betrachten die Atacama als leeren Fleck auf der Landkarte." Dieser leere Fleck - der ungefähr die Regionen El Norte Chico und El Norte Grande, den Kleinen Norden und den Großen Norden, umfasst - war der unerwartete Motor für einen Großteil des chilenischen Wohlstands im vergangenen Jahrhundert.


(NG, Heft 8 / 2003)
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