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Die Geschichte des modernen Katar fängt ganz altmodisch an: mit einem Putsch. Dazu kam es an einem Morgen Ende Juni 1995, bevor die Sonne über dem prachtvollen Palast aus Marmor und Teakholz in der Hauptstadt Doha am Persischen Golf aufging. Der alte Emir, Scheich Khalifa bin Hamad Al Thani, war auf dem Weg in den Urlaub in die Schweiz und hatte seinen Erstgeborenen, den 45-jährigen Hamad, mit der Wahrnehmung der Regierungsgeschäfte betraut. Die ganze Nacht konsultierte dieser seine Berater, und frühmorgens teilte er einer Versammlung von Höflingen und Vertretern der einflussreichsten Familien und wichtigen Stämme mit, dass er die Macht übernehmen werde.
Niemand protestierte - ja, man war nicht einmal überrascht, denn nach gutem Beduinenbrauch hatte Hamad sich zuvor mit ihnen abgesprochen. Sie brauchten ihm jetzt nur noch die Treue zu schwören. Hundert Würdenträger in braunen, goldbestickten Gewändern traten vor, um den neuen Regenten zu küssen - je nach Grad der Verwandtschaft auf Kopf oder Schulter, Wange oder Nase.
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Katar ist einer der kleinsten und bisher am wenigsten bekannten Staaten der arabischen Welt. Nach Saudi-Arabien lebt in diesem Emirat, einer absoluten Herrschaft, die konservativste und am stärksten der Tradition verhaftete Gesellschaft am Persischen Golf. Staatsreligion ist der Wahhabismus, eine orthodoxe Richtung des Islam; Falknerei und Kamelrennen sind Nationalsport. Durch seine Vorräte an Erdöl und vor allem an Erdgas gehört das Scheichtum zu den reichsten Staaten der Erde - und durch seinen vergleichsweise jungen Emir heute zu den fortschrittlichsten in der arabischen Welt. Hamad entwickelte politische Umgangsformen, die die benachbarten, an barocken Machtstrukturen festhaltenden Herrscher (Durchschnittsalter: 68 Jahre) für pure Ketzerei halten.
Im Katar des Scheichs Hamad haben Frauen das Stimmrecht bekommen und wurde eine im Stammesdenken erzogene Bevölkerung - ausgerechnet vom Herrscher - aufgefordert, zur Wahl zu gehen. In diesem Land haben Studenten in zuvor nie gekanntem Maß Zugang zu modernem Gedankengut und auch zu Karrierechancen.
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Man könnte annehmen, dass sich vor allem die jungen Menschen in Katar für die gesellschaftlichen Veränderungen in ihrem Land begeistern. Aber gerade diese Generation scheint die Reformen skeptisch zu sehen. Intelligente, politisch bewusste und zu einem guten Teil im Westen ausgebildete junge Männer stehen besonders unter dem Einfluss religiöser Strömungen in der islamischen Welt. Und es zeigt sich, dass die jungen Frauen von Katar noch konservativer eingestellt sind als die Männer. Niemand hatte am Palasttor gerüttelt, um vom Emir Reformen, die Teilung der politischen Macht oder politische Rechte für Frauen zu fordern. Die Reformen hatte sich der Scheich selber ausgedacht. Woraus sich die Frage ergibt, ob sich ein traditionsgebundenes arabisches Land tatsächlich von oben demokratisieren lässt.
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