Bild: London (rechts), Mexico-Stadt/Conaculta-Inah/Michael Zabé (links Seite), Museo del Templo Mayor, The Bristish Mueum Vergrößern
Solchen Glanz hatten die ausgemergelten Gestalten lange nicht gesehen. "Wir marschierten wie im Traum durch diese Herrlichkeiten", schrieb Bernal Díaz del Castillo aus dem Gefolge des Eroberers Hernán Cortés. "Neue Städte tauchten auf. Sie lagen an den Ufern und mitten im See. Wir zogen weiter über große Brücken, bis sich schließlich vor uns die Hauptstadt Mexiko ausbreitete in all ihrer Pracht." Am 8. November 1519 marschierte Cortés' Trupp von höchstens 500 Mann in die aztekische Kapitale Tenochtitlán ein. Sie hatten einen weiten Weg hinter sich, von Spanien nach Kuba, von dort nach Veracruz am Golf von Mexiko, dann entlang der schneebedeckten Vulkane Popocatépetl und Iztaccíhuatl ins Hochtal von Mexiko.
Nach nur knapp zwei Jahren war das Zentrum der Azteken besiegt, die Kultur dieses großen Volks vernichtet. Wer heute über die Berge von Osten in die mexikanische Hauptstadt kommt, blickt auf ein endloses Häusermeer, über dem eine braune Wolke aus Dunst und Abgasen liegt. Nur schwach konnte ich in der Ferne die Torre Latinoamericana im Zentrum ausmachen, als ich vor einigen Jahren in diese zu den größten Metropolen der Welt zählende Stadt fuhr. Wo jetzt 25 Millionen Menschen leben, breitete sich vor 500 Jahren noch eine Seenplatte aus: die Heimat der Azteken - und die Basis für ihre Kriegszüge.
Bild: Dumbarton Oaks Research Library and Collections, London (oben), St- Petersburg (unten links), The British Museum, The State Hermitage Museum, Washington D.C. (unten rechts) Vergrößern
Auf einer unwirtlichen Insel hatten sie ihre Hauptstadt angelegt, daneben die Schwesterstadt Tlatelolco. Zwischen den Wohnbezirken, die wohl einer Viertelmillion Menschen Platz boten, gediehen auf einem Mosaik von Saatbeeten, den chinampa, Mais, Bohnen, Kürbis und viele Blumen. Das Herz von Tenochtitlán war der Haupttempelbezirk. Eine mehr als 30 Meter hohe Pyramide, das größte der wohl 78 Sakralgebäude, war je zur Hälfte dem Regengott Tlaloc und dem Sonnen- und Kriegsgott Huitzilopochtli geweiht.
Der Tempel des Windgottes Ehécatl war rund, denn die Luftströme sollten sich nicht an Ecken und Kanten brechen. "Alles war so schön", schilderte Díaz del Castillo später aus der Erinnerung seine Beobachtungen am Lago de Texcoco, "dass man sich gar nicht satt sehen konnte."
200 Jahre zuvor waren die Mexi'ca', wie sich die Azteken selber nannten, von Norden in dieses Hochtal eingewandert. Ihren Legenden zufolge kamen sie aus einem Ort namens Aztlán. Irgendwann im 12. Jahrhundert verließen sie das Gebiet, zogen nach Süden und erreichten um das Jahr 1270 den Lago de Texcoco. Auf einer Schilfinsel sahen sie auf einem Kaktus einen Adler mit einer Schlange in den Krallen. Dort sollten sie sich niederlassen, hatte ihnen ihr Hauptgott Huitzilopochtli verheißen.
Bild: Chicago, Mit freundlicher Genehmigung der Sammlung Edward E. Ayer, The Newberry Library Vergrößern
Ihre Stadt nannten sie Tenochtitlán. Wissenschaftler sind uneins, woher das nomadisierende Volk der Mexi'ca' tatsächlich kam. In kurzer Zeit scheinen sie aber Fähigkeiten erlangt zu haben, die sie später zur Großmacht Mesoamerikas werden ließen.
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