Blick ins Unendliche - Vom Urknall zum Weltall

Artikel vom 01.12.2003  —  Autor: Gerhard Börner

Wenn Sie die prächtigen Bilder vom Weltraumteleskop "Hubble" in diesem Beitrag betrachten, fragen Sie sich bestimmt: Wie sind diese astronomischen Gebilde entstanden? Woher stammen sie? Besteht ein Zusammenhang zwischen diesen Himmelsobjekten und unserer Existenz? Diese Fragen können die Wissenschaftler beantworten. Jede dieser Galaxien mit ihren 100 Milliarden Sternen ist für sich ein interessantes Einzelobjekt.

Und gleichzeitig Teil eines riesigen Systems aus Galaxien, das nicht einfach den Raum ausfüllt, sondern sich in alle Richtungen ausdehnt, rasend schnell, wie nach einer gewaltigen Explosion. Diese Ausdehnungsbewegung der Galaxien wurde in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vom amerikanischen Astronomen Edwin Hubble entdeckt - und veränderte unser Bild des Kosmos dramatisch. Die Vorstellung einer gleichmäßigen, unveränderlichen Verteilung von Sternen bis in die uns unendlich scheinenden Tiefen des Raums - ein Bild, dem sogar noch Albert Einstein vertraut hatte - musste aufgegeben werden. An seine Stelle trat das Konzept eines Weltalls, das von Veränderung und Entwicklung bestimmt ist. Wenn sich heute alle Galaxien voneinander entfernen, müssen sie früher näher beisammen gewesen sein.

Aus den jetzt möglichen Messungen erkennen die Astronomen: Die Ausdehnung begann vor rund 14 Milliarden Jahren. Davor muss das Universum also ganz anders ausgesehen haben, denn alles, was wir heute beobachten, war auf engem Raum zusammengepresst. Auf sehr engem Raum: Kurze Zeit nach dem Urknall - unendlich viele Male kürzer als die Dauer eines Augenzwinkerns - war das Universum so klein, dass 100 Milliarden davon in den Kern eines Wasserstoffatoms gepasst hätten. Und Milliarden Wasserstoffatome passen in einen Stecknadelkopf. Milliarden mal Milliarden Universen hätten damals also in einen Stecknadelkopf gepasst. Das ist für ein normales Hirn nicht nachvollziehbar. Und aus dieser unvorstellbaren Kleinheit, aus diesem Nichts soll alles entstanden sein, was wir kennen?

Die Situation wird noch dramatischer, wenn wir den kosmischen Mikrowellenhintergrund in die Betrachtung einbeziehen. Die beiden amerikanischen Ingenieure Arno Penzias und Robert Wilson entdeckten 1964 diese Mikrowellenstrahlung. Sie erreicht uns aus allen Richtungen mit gleicher Intensität. Ihre Temperatur ist allerdings sehr niedrig: nur 2,7 Kelvin oder minus 270,3 Grad, also nur wenig über dem absoluten Nullpunkt von minus 273,15 Grad.

Allerdings muss wegen der allgemeinen Ausdehnung auch diese Strahlung in der Vergangenheit sehr viel dichter und heißer gewesen sein als heute. Deshalb scheint der Schluss nahezu zwangsläufig, dass die kosmische Entwicklung in einem heißen, extrem dichten Frühzustand begonnen hat, in dessen Gluthitze weder Galaxien noch Sterne existieren konnten, sondern alles in einem Gemisch aus Strahlung und Materie aufgelöst war. Man muss auch klar sagen: Alle Überlegungen zu den ersten Sekundenbruchteilen des Universums gehören ins Reich der Spekulation. Der Versuch, den Urknall zu erklären, wird die Physiker noch lange beschäftigen.


(NG, Heft 12 / 2003)
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