Vor fast 20 Jahren unternahm ich eine Reise in die ferne Vergangenheit: Nach einem abenteuerlichen Flug mit einer klapprigen Cessna über den Dschungel von Chiapas im Süden von Mexiko und einem Fußmarsch durch den Wald stand ich einige Stunden später zwischen den schweigenden Ruinen der alten Maya-Stadt Bonampak.
Die Sonne hüllte die Fassade eines verfallenden Bauwerks in strahlendes Licht - aber der wahre Schatz befand sich in drei dunklen Räumen im Innern des Gebäudes: die am besten erhaltenen und außergewöhnlichsten Malereien aus der mesoamerikanischen Welt, von denen man bisher weiß. Sie stammen aus dem späten 8. Jahrhundert n. Chr. Der amerikanische Forscher und Fotograf Giles Healey hatte sich 1946 von Lakandonen-Indianern - Nachfahren der Maya - hierher führen lassen und sie als erster Fremder zu Gesicht bekommen. Später wurde die Stätte Bonampak genannt - nach dem Maya-Wort für "bemalte Wand".
Als Kunsthistorikerin begeistere ich mich für alles, was die Maya betrifft. Doch welche Enttäuschung! Noch bevor sich meine Augen an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten, erkannte ich, dass die Wandgemälde mit Kalzit überzogen waren. Regenwasser, das durch die Wände aus Kalkstein gesickert war, hatte Ablagerungen hinterlassen. Die edelsteingeschmückten Damen, die kämpfenden Krieger und tanzenden Herrscher waren kaum zu erkennen. Andererseits war diese brüchige, transparente Kruste ein Segen, denn sie hatte die Wandgemälde vor anderen Schäden bewahrt.
Selbst in diesem bedauernswerten Zustand berührten mich die geisterhaften Schatten, und ihre Kraft und künstlerische Vollendung begeisterten mich. Diese phantastischen Werke schildern eine Maya-Dynastie der klassischen Periode, die ihren Höhepunkt vor rund 1200 Jahren erlebte. Im Halbdunkel erkannte ich die Umrisse von entkleideten Gefangenen, denen unter der Folter das Blut von den Fingern tropfte. Und besonders beeindruckte mich in Raum Zwei ein schöner, auf die Stufen gelegter Leichnam, dessen Gestalt die Wand dominierte. Wie mochte er gestorben sein?
Ich habe die Wandgemälde seither immer wieder besucht - und jedes Mal neue Details entdeckt, die Fragen beantworteten, aber auch neue aufwarfen. Während Wissenschaftler über die Bedeutung dieser epischen Werke streiten, interessieren mich die Geschichten, die sie erzählen. Das Bild in Raum Eins zeigt einen jungen Thronfolger, der den Adligen vorgeführt wird, woraufhin sie eine verschwenderische Feier veranstalten. In Raum Zwei werden in einer Schlacht Gefangene gemacht, die als Menschenopfer die Götter besänftigen und den frisch berufenen Thronfolger ehren sollen. Und in Raum Drei besiegelt Bonampaks Führungsschicht mit einem Blutopfer dessen Thronrechte. Lange Zeit hatten Forscher angenommen, dass die klassische Maya-Zivilisation von 250 bis 900 n. Chr. einem friedlichen Paradies geglichen habe, das von wohlmeinenden Priestern regiert wurde. Diese anschaulichen Szenen von Grausamkeit, Eitelkeit und Vergnügungen führten dazu, dass Forscher manche Details der Maya-Geschichte heute neu bewerten.
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