Bücher in Not!

Artikel vom 01.09.2003  —  Bilder: Siebo Heinken
Kolorierte Handzeichnung auf Pergament

Bild: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Kartensammlung 5.255 Vergrößern

Die 250 Jahre alten Dielen knarren im Takt unserer Schritte, es riecht nach Papier und Staub. Wir steigen die Treppe im Rokokosaal des Grünen Schlosses hinauf, in den Prunkraum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Durch zugehängte Fenster fällt fahles Licht auf lange Reihen alter Bücher, von schief an den Regalen und Wänden hängenden Gemälden blicken mich die Zeitgenossen der Regentin an, die ihre Residenz im 18. Jahrhundert zum Zentrum der Künste und des Geisteslebens machte. Schiller wirkte hier, Herder und Wieland kamen, Goethe stand eine Zeit lang der Bibliothek vor. "Hier, schauen Sie", ruft Matthias Hageböck, der Leiter der Restaurierungswerkstatt, und zieht ein ledergebundenes Bändchen aus dem Bord. "Philippus Melanchthon 1551" steht als handschriftlicher Besitzvermerk auf der dritten Seite; der große Humanist war ein Weggefährte Martin Luthers. "Ich komme immer mal wieder her und stelle mir vor, wer diese Bücher bereits in den Händen hatte. Und so einige Male habe ich darüber die Zeit vergessen und sah mich auf einmal dem alarmierten Sicherheitsdienst gegenüber", sagt Hageböck.

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist eine der großen Universalbibliotheken Europas. Rund eine Million Bücher gibt es, dazu 2000 Handschriften und 10 000 historische Karten. Sammlungen deutscher Dichter und Denker - Logau, Arnim, Nietzsche - füllen die Regale. Aber es steht nicht gut um dieses Erbe unserer Geistesgeschichte: Aufgerissene Rücken lassen die alten Bücher zerfallen, Eisen-Gallus-Tinte zersetzt das Papier, Holzwürmer haben Löcher in Einbände und Blätter gefressen, und die bei der Herstellung jüngeren Papiers darin eingebettete Säure führt dazu, dass es vergilbt, dann spröde wird und schließlich zerfällt. "Ein Teil dieser Werke ist schon nicht mehr zu retten", sagt Jürgen Weber, der in der Bibliothek für die Bestandserhaltung verantwortlich ist. "Und uns läuft die Zeit davon."

Restaurierte Bücher

Bild: Toma Babovic/LAIF Vergrößern

Die Zahlen sind alarmierend. Rund 60 Millionen Bücher in deutschen Bibliotheken gelten als nicht mehr benutzbar, weil ihr Papier zu brüchig ist. So wie auch in den USA sind etwa 80 Prozent der Forschungsliteratur auf "saurem" Papier gedruckt und mittelfristig von Zerstörung bedroht. Weltweit schlagen Bibliothekare Alarm. Herbeigeführt hat das Dilemma ein Sachse. Über Jahrhunderte war Papier aus alten Leinen und Knochenleim hergestellt worden, daher ist es sehr langlebig. Mitte des 19. Jahrhunderts, als wegen der zunehmenden Buchproduktion Papier knapp wurde, ersetzte der Weber Friedrich Gottlob Keller die bis dahin beigemengten Hadern - zerfaserte Lumpen - durch Holzschliff und verfestigte den Rohstoff mit einem Gemisch aus Baumharz und Alaun. So konnte Papier zwar industriell hergestellt werden, aber die (noch bis spät ins 20. Jahrhundert verwendeten) Zutaten lösen eine chemisch saure Reaktion aus, die es zerstört. Das gedruckte Wissen der Menschheit aus den vergangenen 150 Jahren zerfällt.

"Hier tickt eine Zeitbombe", sagt Birgit Schneider von der Deutschen Bücherei. Denn die Säure zerstört die Molekularstruktur der Fasern, und der Verfall setzt sich autokatalytisch fort: Das Papier zerstört sich selber. Die Bibliothekarin hat jedes Jahr rund 660 000 Euro für die Bestandserhaltung zur Verfügung - viel zu wenig, um die geschädigten fünf Millionen Bücher zu retten.

Die Bayerische Staatsbibliothek bräuchte gut 63 Millionen Euro, um mehr als drei Millionen Publikationen zu erhalten. Programme, innerhalb deren Bücherbegeisterte Patenschaften für alte Druckwerke übernehmen, können nur einen kleinen Teil der Kosten decken. Nicht anders sieht es im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aus, wo 700 000 Bücher, 22 Millionen Blätter in der Handschriftenabteilung und gut 1000 Dichternachlässe aufbewahrt werden. Viele stammen aus der kritischen Zeit zwischen 1860 und 1980. "Wir müssen dazu kommen, dass zumindest je ein Exemplar eines Buchs aus nationalen Mitteln erhalten wird", fordert Hermann Leskien, der Generaldirektor des Bayerischen Staatsarchivs. Doch bisher gibt es nicht einmal eine deutschlandweite Bestandsaufnahme.

Buchpatenschaften und Spenden - Sie können helfen!

Der Papierzerfall gilt als globales Problem allerersten Ranges, kulturell vergleichbar mit dem Waldsterben oder dem gefährlichen Ozonloch. Rund 60 Millionen Bände in den wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands sind betroffen. Helfen Sie mit - bei der Rettung unseres kulturellen Erbes und übernehmen Sie eine Buchpatenschaft. Folgende Bibliotheken rufen zu einer Patenschaft oder Spenden auf, um durch die finanziellen Mittel die Restauration voranzutreiben.

Herzogin Anna Amalia Bibliothek
Dezernat Sondersammlungen und Bestandserhaltung - Abt. Bestandserhaltung
Matthias Hageböck
Platz der Demokratie 1
99423 Weimar
Tel.: (0 36 43) 54 52 35
Fax. (0 36 43) 54 52 20
E-Mail: matthias.hageboeck@swkk.de

Bayerische Staatsbibliothek
Förderer und Freunde der Bayrischen Staatsbibliothek e. V.
Dr. Manfred Hank
80328 München
Tel.: (0 89) 2 86 38 22 44
Fax: (0 89) 2 86 38 28 04
E-Mail: hank@bsb-muenchen.de

Herzog August Bibliothek
Gesellschaft der Freunde der Herzog August Bibliothek e. V.
Schloßplatz 2
38304 Wolfenbüttel
Tel.: (0 53 31) 80 80
Fax: (0 53 31) 80 82 48

Die Deutsche Bibliothek
Gesellschaft für das Buch e. V.
Michaela Michel
Adickesallee 1
60322 Frankfurt am Main
Tel.: (0 69) 15 25 10 01
Fax: ( 0 69) 15 25 10 10
E-Mail: michel@dbf.ddb.de


(NG, Heft 9 / 2003)
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