China: Auf dem großen Sprung in die Zukunft

Artikel vom 01.07.2003  —  Autor: Jürgen Kahl

Wenn es um das politische System seines Landes geht, ist mein Freund Wu Jinsheng, ein Deutschlehrer in Peking, durchaus kritisch. Aber er ist auch Patriot, und mit Genugtuung verfolgt er, wie die internationalen Medien die technologische Modernisierung Chinas beschreiben. Ich sehe ihn richtig vor mir, wie er an seinem Computer sitzt, im großen Datenstrom surft und still vergnügt die neuesten Erfolge für mich zusammenstellt. Spätestens seit chinesische Forscher im Februar 2001 im Kreis internationaler Spitzenwissenschaftler ihren Beitrag zur Entschlüsselung des menschlichen Erbguts vorgestellt haben, wird mit Superlativen nicht gespart. "Ihr seid die Zukunft", prophezeite Eric Lander, ein führender amerikanischer Genforscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) jungen chinesischen Kollegen bei einem Besuch in Peking.

Seit China vor 25 Jahren unter Deng Xiaoping zum "großen Sprung in die Moderne" ansetzte, ist kaum ein anderes Wort mit so viel Hoffnung und Leidenschaft besetzt wie der Begriff keji, in dem sich die Schriftzeichen für kexue (Wissenschaft) und jishu (Technologie) verbinden. Ein "globaler Krieg ohne Pulverdampf" - das sei der Wettlauf um technologische Vorherrschaft, sagte im Sommer 2002 der damalige Vizepremier Li Lanqing. Wer Chinas Geschichte kennt, versteht leichter, warum Partei und Regierung die Aufholjagd in Wissenschaft und Forschung so forcieren. Jahrhundertelang marschierte das Kaiserreich an der Spitze des Fortschritts - Buchdruck, Ingenieurwesen, Astronomie.

Noch im 16. Jahrhundert baute es größere Hochseeschiffe als Holländer und Portugiesen, ehe es in Stagnation und in kolonialer Abhängigkeit versank. Dieser Bruch und die verpasste industrielle Revolution wirken als Trauma bis heute nach. "Ich bin der festen Überzeugung, dass nur diese beiden Gentlemen - Wissenschaft und Demokratie - im Stande sind, die schweren Gebrechen zu heilen, an denen Politik, Moral und Denken in China leiden." Das schrieb Chen Duxiu, ein Professor der Universität Peking und Vordenker der nationalen Erneuerung.

Das war 1919. Als diese Elitehochschule 1998 ihren 100. Geburtstag feierte, war in der Festansprache von Staatschef Jiang Zemin von Demokratie keine Rede, umso mehr von der Befreiung durch Wissenschaft und Forschung als der "wichtigsten Produktivkraft" für die Zukunft. Größer, höher, schneller. Der größte Staudamm der Welt wird am Ausgang der Drei Schluchten des Jangtsekiang gebaut. In Schanghai der höchste Büroturm. Chinesische Ingenieure haben dort zudem mit deutscher Technologie in Rekordzeit die erste kommerzielle Transrapid-Verbindung geschaffen. Und nun der Griff nach den Sternen, das nationale Prestigeprojekt Nummer eins: Streng abgeschirmt bereiten sich 14 Taikonauten (taikong, chinesisch für "Weltraum") in einem Trainingscamp außerhalb Pekings auf den für Oktober geplanten ersten bemannten Raumflug vor.


(NG, Heft 7 / 2003)
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