Das Geschenk aus dem Orient

Artikel vom 01.08.2003  —  Autor: Emanuel Eckardt

Die Stadt Karls des Großen liegt träge in der Sonne. Das Rathaus wirft seinen würdigen Schatten auf den Markt. Die Grenze ist nah. Pommes schmecken hier schon nach Belgien. Aachen ist weltoffen. Ich lese die Namen Starbucks Coffee und McPaper. Auf dem Markt gibt es frischen Rhabarber, und die Kartoffeln heißen Desirée. Eine junge Frau hat vor dem Rathaus auf mich gewartet, sie trägt ein Sommerkleid, und ihre Schritte sind leicht, als wir die Treppe hinaufgehen, dorthin, wo Bagdad entstehen soll. Die Historikerin Heike Nelsen ist mit dem Rathaus und seiner Geschichte vertraut, aber mit den Gedanken ist sie ganz woanders, bei der Ausstellung "ex oriente", der Begegnung dreier Kulturen um das Jahr 800, einem Projekt unter der Schirmherrschaft von Unesco und Europarat.

Reise des Abul Abas

Bild: Institut für Strassenbauwesen der RWTH Aachen, NGD Vergrößern

Wir stehen am Anfang einer Zeitreise, wollen auf den Spuren eines weißen Elefanten von Bagdad über Jerusalem nach Aachen reisen und sind schon am Ziel - dort, wo diese merkwürdige Geschichte endet. "Sie müssen hier aus dem Fenster schauen", sagt Nelsen, "hier muss jeder Gast stehen bleiben!" Ein wahrhaft königlicher Blick: Ich sehe den weitläufigen Innenhof, dahinter den Kaiserdom von Aachen, ein eindrucksvolles, hoch ragendes Bauwerk mit einer Kuppel in der Mitte, mit Bögen und Türmen, einem Gerüst und einer Plane dahinter, die einen großen Teil des Baus verdeckt. "Alles, was Sie nicht sehen, ist karolingisch", sagt die Expertin an meiner Seite, "der Dom wird gerade restauriert."

Ich lerne zu verstehen, dass meine Vorstellungskraft gefragt ist, denn nun will sie mir Bagdad zeigen, Bagdad im Jahr 800, die Stadt des Kalifen Harun ar-Raschid. Ich sehe den prächtigen, leer geräumten Krönungssaal des Aachener Rathauses. Kabel, Paletten. Ich sehe Karl, den Hausherrn und Patriarchen Europas, auf einer Wandmalerei des 19. Jahrhunderts. Hier stand seine Pfalz, von der noch ein Seitenturm am Rathaus erhalten ist.

Und dies soll nun Bagdad werden, das Reich der Vielfalt und des Handels, ein Schaufenster des alten Orients, ein Basar der Vitrinen, mit seltenen Leihgaben und kostbaren Preziosen islamischer und persischer Kunst, den Schätzen einer Kultur, die zu jener Zeit die strahlendste war.


(NG, Heft 8 / 2003)
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