Das Simpson Outback in Australien

Artikel vom 01.10.2003  —  Autor: Jane Vessels  —  Bilder: Medford Tylor

Die Paralleldünen der Simpsonwüste verlaufen nur geringfügig neben der Mitte Australiens - und zwar so exakt von Nordwesten nach Südsüdosten, dass man sie als Kompass benutzen kann. Es gibt mehr als 1000 dieser Kämme aus talkumfeinem, paprikafarbenem Sand, und sie können bis zu 200 Kilometer lang und 35 Meter hoch werden. In den breiten Senken zwischen ihnen schweben verstreute Schatten in rauchigem Grün und Gelb: Schwadengras, Stachelkopfgras und die knorrigen Mulgabäume, die Jahr für Jahr mit einer Niederschlagsmenge von weniger als einem Becher Tee auskommen können. Doch gibt es auch Wasserfluten in dieser trockensten Wüste des Kontinents. Wenn irgendwo in der Ferne Regen fällt, füllen sich ausgetrocknete Flussbetten, manchmal bis über die Uferlinie. Dann erwachen ruhende Samen und Knollen zu kurzfristigem Leben.

"Ich habe hier schon purpurrote Wiesen blühen sehen", erzählt mir eine Frau - obwohl die Landschaft, auf die sie deutet, wie die Marsoberfläche aussieht. Die Simpsonwüste war eines der letzten Gebiete Australiens, das kartografiert wurde. Bis 1929, als die Royal Geographic Society of Australia Luftaufnahmen finanzierte, hatte sie gar keinen offiziellen Namen. Dann erlaubte der damalige Vorsitzende der Gesellschaft, der Philanthrop und Eisenwarenmagnat Allan A. Simpson, dass dieser unwirtlichen Region sein Name gegeben wurde. Schon lange davor war die Wüste freilich von Aborigines erkundet worden. Sie hatten gelernt, die sporadischen Regenfälle zu nutzen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebte das Volk der Wangkangurru in den Dünenfeldern: In feuchten Perioden tranken die Ureinwohner aus Lehmtümpeln, in der Trockenzeit wichen sie auf flache Brunnen aus. Wie die meisten Aborigines siedelten sich auch die ersten Weißen, die nach 1860 Rinder hierher brachten, am Rand der Dünen an - wie um einen großen Sandsee.

Heute ist das Grenzland um die Simpsonwüste eine Welt aus riesigen Rinderfarmen und ein paar kleinen Städten, die auf den Eckpfeilern der Outback-Gesellschaft basieren: einer Rennbahn und einem Pub. Ganze 1500 Menschen leben an dieser asymmetrischen Kreisbahn von fast 2500 Kilometer Länge. Alle, die in diesem Artikel erwähnt werden, kennen sich, wissen voneinander oder haben gemeinsame Bekannte.

Mag sein, dass manche nicht miteinander auskommen, dass es zwischen ihnen "ein kleines Drama" gibt. "Aber selbst wenn die Leute nicht miteinander reden, helfen sie einander bei Schwierigkeiten", schwört ein Mann in einem Pub mit erhobenem Bierglas. Und die anderen um ihn herum nicken. "Stimmt genau." Es ist ein Land, in dem man die Menschen schon an ihren Hüten erkennt. "Er war mir zu steif, als ich ihn gekauft habe", sagt einer der jungen Cowboys über seine abgetragene Kopfbedeckung. "Also habe ich einen Amboss drauffallen lassen und bin dann noch mit dem Auto drübergefahren." Und es ist ein Land der unbefestigten Straßen. Die Leute fahren Hunderte Kilometer auf schmalen Rinderpfaden, um zu einer Party zu kommen.


(NG, Heft 10 / 2003)
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