Der Siegeszug der Säugetiere

Artikel vom 01.04.2003  —  Autor: Rick Gore  —  Bilder: Robert Clark llustrationen: Kennis & Kennis

Gnus, Zebras, Gazellen - eine Million Säugetiere ziehen an diesem Tag durch die Serengeti. Das Gewimmel lässt die Ebene schwarz wirken. Es ist die Zeit, in der die Gnus kalben, viele dieser riesigen bärtigen Antilopen führen schon ihr staksiges Junges mit sich. Bei anderen deutet der kugelrunde Bauch auf eine baldige Geburt hin. Die Herde zieht Richtung Südosten, dort leuchten die Weiden nach dem Regen in frischem Grün. Alles sieht friedlich aus.

Aber wer genau hinsieht, wird Zeuge eines Dramas. Plötzlich rast eine junge Gazelle in die Herde der Gnus, ihre Mutter galoppiert hinterher. Sie werden von einer Hyäne verfolgt. Die Mutter wird etwas langsamer und biegt ab, um das hungrige Raubtier abzulenken. Panikartig schlägt das unerfahrene Kitz einen Haken, um ihr zu folgen - da schnappt die Hyäne zu. Wenige Meter entfernt steht die Mutter und zuckt hilflos mit den Ohren. Dann, als müsste sie ihre Wut abreagieren, attackiert sie zwei Schakale, die sich in die Nähe des Opfers gewagt haben.

"Ganz sicher empfindet sie etwas, man kann es nur nicht beweisen", sagt Patricia Moehlman, eine Wildtier-Biologin, die mich nach Shifting Sands begleitet hat, einer vier Meter hohen Wanderdüne in der Serengeti. "Diese Gazelle ist eine Mutter", fährt Moehlman fort. "Ihr Gehirn arbeitet nicht wie das unsere, aber ich glaube, sie spürt Schmerz, Furcht und Stress. Weil auch sie ein Säugetier ist." Die hier lebenden Massai-Frauen betrachten die Düne als eine heilige Stätte für Fruchtbarkeit. Moehlman nennt sie einen Wallfahrtsort. Tatsächlich gibt es auf der Erde keine zweite Stelle mit einer solchen Vielfalt unserer felltragenden säugenden Verwandten.

Im nahe gelegenen Ngorongoro-Krater schnüffelt eine Flusspferdmutter an ihrem rosigen Jungen, während am Straßenrand ein Löwenpaar kopuliert. In einem Akaziengehölz knabbern einige Giraffen an den höchsten Ästen; sie gehören zu einer Familie von Säugetieren, die vor 20 Millionen Jahren noch winzige Waldbewohner waren.

So verschieden, wie die Säugetiere in Körperbau und Verhalten sind, kann man sich kaum vorstellen, dass auch nur zwei Arten vom selben Vorfahren abstammen. Und dennoch: Das amphibische Flusspferd, das wie ein Mähdrescher bis zu 45 Kilo Gras pro Nacht verspeist, teilt seine Abstammung mit den acht Zentimeter kleinen, knollenkauenden Nacktmullen, die wie Termiten in riesigen unterirdischen Kolonien leben und von einer Königin beherrscht werden. Im Körperbau sind alle Säugetiere verwandt. Die ältesten bekannten Säuger waren die Morganucodontiden, winzige Geschöpfe von der Größe einer Spitzmaus, die vor 210 Millionen Jahren im Schatten der Saurier umherhuschten. Sie waren eine von mehreren unterschiedlichen Säugetiergruppen, die sich zu dieser Zeit entwickelten. Aber nur eine einzige überlebte, und von der stammen alle heute lebenden Säugetiere ab. Auch wir.


(NG, Heft 4 / 2003)
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