Der Weg zum Pazifik

Artikel vom 01.06.2003  —  Autor: Ted Conover  —  Bilder: Maria Stenzel

Mit quietschenden Bremsen nähert sich unser Lastwagen der holprigen einspurigen Brücke. Noch während er an Geschwindigkeit verliert, holt ihn seine Staubwolke ein und hüllt die 17 Fahrgäste auf dem Dach in feinen roten Staub. Der Wagen, eine cisterna, bringt Treibstoff von Cusco über die Anden ins Amazonasbecken. Um sein flaches Dach verläuft ein niedriges Holzgeländer, hinter dem die Passagiere sitzen. "Peligro - combustible", "Achtung - feuergefährlich", steht dort in großen Buchstaben. Unter den Fahrgästen sind Mary Luz Guerra und ihr 14-jähriger Sohn Alex. Dem Jungen scheint die Fahrt Spaß zu machen, seiner Mutter weniger. Die Kindergärtnerin war von Puerto Maldonado, ihrer Heimatstadt im Regenwald, nach Cusco hoch oben in den Anden geflogen, um dort ihren Urlaub zu verbringen und ihren Sohn bei Verwandten abzuholen. Der Flug dauerte gerade mal 40 Minuten. Als sie zurückfliegen wollte, waren die Preise so stark gestiegen, dass sie sich keine zwei Tickets mehr leisten konnte. Also reisen Mutter und Sohn über Land nach Hause: 72 Stunden auf dem Dach dieses Tankwagens über eine schmale Lehmpiste, die sich zunächst auf einen 4750 Meter hohen Pass windet und von dort in endlosen Schleifen abwärts in den Regenwald führt.

Dieser Abstieg aus den zerklüfteten Anden in das unendliche grüne Meer des Amazonasbeckens ist das wohl größte Erlebnis dieser Reise. Zum Mittagessen halten wir in einer Siedlung namens Libertad. Ich gehe mit den beiden und einigen anderen Reisenden in einem nahen Flüsschen schwimmen. Als ich - vom Staub befreit - aus dem Wasser steige, fliegt ein Tukan über ein nahes Feld, flattert kurz auf und ab und verschwindet schließlich in den Baumkronen. In einem der beiden Straßenrestaurants gibt es paca, das Fleisch eines großen Nagetiers, das wie eine Mischung von Huhn und Kaninchen schmeckt. Bis plötzlich ein weiterer Laster in den Ort braust und unsere Teller mit einer Staubschicht bedeckt. Mir fällt sofort das Firmenlogo ins Auge: Transoceanica. Dieses Kurzwort für die geplante Fernstraße vom Atlantik quer über den Kontinent zum Pazifik ist hier in aller Munde.

Für die Peruaner ist die Transozeanische Fernstraße ein nebulöses Projekt, seit Jahren Gesprächsthema, aber auch ein Vorhaben, das sich nur im Schneckentempo einem Abschluss zu nähern scheint. Und das verschiedene Interessengruppen auf den Plan ruft. Der Transportminister Luis Chang bestätigte, was Experten schon lange vermuten: dass es nicht nur eine, sondern viele Straßen geben soll. Sicher ist nur, dass die Fernstraßen östlich von Cusco und Puno mitten durch das riesige Amazonasbecken führen werden. Hier liegt die Provinz Madre de Dios.

Die geplanten Streckenführungen in diesem Gebiet bereiten Umweltschützern heftige Kopfschmerzen. Denn in den Nebelwäldern am Ostabhang der Anden findet sich einer staatlichen Studie zufolge die größte Artenvielfalt der Erde. Und riesige Gebiete des tiefer gelegenen Regenwalds sind noch völlig unberührt. Dies ist die Heimat von Aras und Tapiren, hier leben noch indigene Stämme, die niemals Kontakt zur Außenwelt hatten. Seit Jahrtausenden reist man in diesem Land am besten auf Flüssen. Straßen werden diese Situation grundlegend verändern. Sie werden Besiedlungsmuster beeinflussen, die Zerstörung von Lebensräumen beschleunigen, zur Ausbreitung von Krankheiten und wohl auch zu kulturellen Konflikten führen.


(NG, Heft 6 / 2003)
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