Am 10. April 1895 bricht ein junger Schwede namens Sven Hedin von der kleinen Oase Merket auf. Sein Ziel: das Innere der Taklamakan in Zentralasien, damals eine terra incognita aus Sand, verrufen als Todeswüste. Zur ungünstigsten Jahreszeit, mitten in der Sandsturmsaison, allen Warnungen zum Trotz, zieht er los. Seine Karawane besteht aus acht Kamelen, drei Schafen, zehn Hühnern, einem Hahn und vier einheimischen Begleitern, von denen einer behauptet, die Wüste gut zu kennen.
Die Kamele tragen 455 Liter Wasser in Blechkanistern und Ziegenschläuchen, dazu mehrere Sätze Vermessungsinstrumente, Notizhefte, Fotoausrüstung mit insgesamt 1000 Glasplatten, außerdem Gewehre und Munition, Zelte und ein Feldbett, Teppiche, Gastgeschenke, Hunderte Konserven, Bücher - und einen ganzen Jahrgang schwedischer Zeitungen: Hedin will zur Zerstreuung täglich eine Nummer lesen. Was dann folgt, schildert der Forscher später in seinem Reisebericht als eine Kette von Katastrophen. Dabei hätte er gewarnt sein müssen. Schon Jahrhunderte zuvor wusste Marco Polo nicht viel Gutes von dieser Wüste zu berichten. Der Venezianer war Kaufmann, die Wüste für ihn nur ein lästiges Hindernis auf seinem Weg nach China. Er überwand sie nicht auf der kürzesten, sondern auf der sichersten Route.
Und die führte an den Rändern entlang, wo es seit urdenklichen Zeiten Karawanen- und Völkerwanderungswege gab. Schon diese flüchtige Begegnung genügte, um ihm die Feststellung zu entlocken, dass die Wüste "vielen bösen Geistern als Aufenthaltsort dient, die den Reisenden durch allerlei Blendwerk in die Irre zu leiten trachten". Außer Forschern und Kaufleuten gab es noch eine Gruppe von Personen, die sich aus ganz anderen Gründen der Wüste näherten. Sie kamen um der Erfahrung willen, auf der Suche nach spirituellen Erlebnissen. Die Wüste als Medium, wo sich gleichsam auf sandigem Grund abstrakte Wahrheiten und kosmische Gesetzmäßigkeiten abzeichnen.
So verschieden die Motive auch sein mochten - alle hatten doch eines gemein: Sie waren dem Faszinosum Wüste erlegen. "Das ist für mich die schönste und traurigste Landschaft", schrieb der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Wer aus der Wüste zurückkommt, ist reicher, aber auch einsamer. Denn die Zahl derer, die einen verstehen können, ist kleiner geworden.
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