Die neue Geschichte von Chinas alten Zeiten

Artikel vom 01.07.2003  —  Autor: Peter Hessler  —  Bilder: O. Louis Mazzatenta

Wenn in China antike Städte in Vergessenheit geraten, dann geschieht dies an Orten wie Anyang. Die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts spielte immer wieder in dieser Talebene des Hwangho (Gelber Fluss) und hinterließ ihre Spuren. Nicht weit vor Anyang steht das Grabmal des Kriegsherrn Yuan Shikai, der 1913 für drei Jahre die Regierungsgewalt über das gesamte Land errang. Anyangs neues Stadtzentrum hingegen ist mit seinen weißen Kacheln und den blau glitzernden Glasflächen das Monument einer ganz anderen Entwicklung: der Modernisierung Chinas seit der Reform. Zwischen der Stadt und dem Grabmal liegt eine Flugpiste, die die Japaner in den dreißiger Jahren während ihrer Besetzung Chinas bauten. Und direkt unter dem Beton liegt seit mehr als 3000 Jahren eine ganze Stadt. Als ich sie im September 2000 zum ersten Mal besuchte, stand ihre Auferstehung kurz bevor - eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen Chinas.

Doch Zhichun Jing, ein 36-jähriger Archäologe, der mich begleitete, hatte es nicht eilig. "Sie müssen sich die Landschaft als etwas Dynamisches vorstellen", sagte er mir. "Vor 3000 Jahren könnte es hier völlig anders ausgesehen haben." Jing und seine Kollegen nannten diesen Ort Shang-Stadt Huanbei. 1996 erbrachte eine systematische Grabung Hinweise auf eine verschüttete Stadt. Die Stätte stammt ungefähr aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., dem Höhepunkt der Shang-Kultur, die im Tal des Gelben Flusses von etwa 1600 bis 1045 v. Chr. ihre Blütezeit hatte.

Huanbei ist das jüngste Kapitel der Wiederentdeckung der Shang und anderer Kulturen der Bronzezeit. Vor 100 Jahren war über die Shang-Dynastie genauso wenig bekannt wie über diese antike Stadt. Sie kam nur in historischen Texten der Zhou-Dynastie vor, die Hunderte von Jahren nach dem Ende der Shang entstanden waren. Die meisten chinesischen Wissenschaftler glaubten nicht, dass sie jemals existiert hatte. Für ihre Kollegen aus dem Westen waren sie hingegen voller Mythen.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts tauchten die Shang nach und nach aus dem Verborgenen auf. Die Mythen wurden allmählich durch Funde und Fakten belegt: massive Bronzen, vielsagende Orakelknochen, Begräbnisanlagen, in denen Tausende Menschen einem blutrünstigen Glauben geopfert worden waren. Heute weiß man: Chinas Geschichte beginnt mit den Shang, ihre Aufzeichnungen sind die bisher ältesten, die man aus Ostasien kennt. Und die Geschichte kehrt immer wieder zu den Shang zurück - denn wie nach dieser Kultur geforscht wurde, das hing auch von den jeweiligen politischen Verhältnissen im modernen China ab.

Jing blieb in der Mitte des durchlöcherten Feldes stehen. In diesem Winkel der Provinz Henan haben über die Ufer getretene Flüsse und weggeschwemmte Lösserde die Vergangenheit tief unter der Erdoberfläche begraben. "Wir betrachten nicht nur die Oberfläche, wir fügten eine dritte Dimension hinzu: die Zeit", sagte er und blinzelte in die Ferne: Mais- und Sojabohnenfelder, Parasolbäume, Bauern, die stetig arbeiteten. "Sie können sich umschauen und werden nichts erkennen", fuhr er fort. "Dabei lag hier die erste Stadt dieser Gegend."


(NG, Heft 7 / 2003)
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