Die Seychellen

Artikel vom 01.09.2003  —  Autor: George Plimpton

Um den Zauber der Seychellen zu erklären, erzähle ich oft eine Geschichte - meine Lieblingsgeschichte: Vor langer Zeit wurde einmal ein junger afrikanischer König namens Prempeh gestürzt und auf die Seychellen verbannt. Er war der Herrscher des Ashanti-Reichs gewesen, das heute zu Ghana gehört. Als er auf den Inseln landete, trug er stolz ein Leopardenfell. Er hatte einige Stammesmitglieder dabei, mehrere Ehefrauen und seinen eigenen Henker. Kurz darauf wollte er den Henker seines Amtes walten lassen, da einer seiner Diener sich ungebührlich betragen hatte. Doch nach dem Gesetz der Inseln durfte er das nicht. Er war sehr aufgebracht. Nach einer Weile hatte sich Prempeh jedoch an die sanfteren Sitten der Seychellen gewöhnt, ja er hatte sie sogar lieb gewonnen.

Als man ihm nach 25 Jahren gestattete, in sein Reich zurückzukehren und seinen Thron wieder zu besteigen, fühlte er sich beinahe, als müsse er nun in die Verbannung, und nicht, als kehre er aus ihr zurück. Als er das Boot in die Heimat bestieg, trug er Pumphosen, einen Cutaway und eine Seidenkappe. Es begleitete ihn nur eine Frau, alle anderen Gattinnen hatte er abgelegt. Bei der Abfahrt soll sich der König die Hände auf die Augen gelegt haben - so, als wolle er den letzten Blick auf die Inseln einschließen und bewahren.

Mein erster Besuch auf den Seychellen war ebenfalls nicht freiwillig. Eigentlich wollte ich nur von Kenia nach Tansania reisen, aber da die Grenze zwischen beiden Staaten geschlossen war, weil sie im Streit lagen, musste ich über die Seychellen fliegen, um von einem Land ins andere zu gelangen. 3200 Kilometer Umweg.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich während des Flugs aus dem Fenster blickte und mich fragte, ob ich jemals die Chance haben würde, diese wunderschönen Inseln richtig zu erleben. Später erhielt ich sie, zweimal sogar.

Die Hauptinseln der Seychellen bestehen aus Granit. Es ist fast, als habe man einen Teil von Maine in den Indischen Ozean fallen lassen. Die größte Insel heißt Mahé, ist 27 Kilometer lang, acht Kilometer breit und besitzt imposante Berge, die sich steil aus dem Meer erheben. In der Hauptstadt Victoria gibt es einen Kirchturm mit vier Glocken, die zwei Minuten vor der vollen Stunde läuten, als wollten sie das Volk darauf vorbereiten, dass die Zeit gleich angesagt wird. Dann läuten sie noch einmal genau zur vollen Stunde. Der Reiseautor Alec Waugh fand dieses Paradox so bezaubernd, dass er seinen Seychellenbericht "Where the Clock Strikes Twice" taufte - "Wo die Uhr zweimal schlägt". Ich war mehr bezaubert von anderen Attraktionen der Insel: dem Hochseefischen, der Vogelbeobachtung, dem Baden und dem Schnorcheln. Die Vielfalt der Fische ist enorm, und der weiße, weiche Sand der Strände beinahe makellos schön.


(NG, Heft 9 / 2003)
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus