Die Sherpas

Artikel vom 01.05.2003  —  Autor: T. R. Reid  —  Bilder: Robb Kendrick

Aus mir unerfindlichen Gründen bleiben meine Kinder unbeeindruckt, wenn ich ihnen schildere, wie ich früher acht Kilometer durch Schnee zur Schule stapfen musste. Also erzähle ich ihnen lieber von Lhakpa Sherpa, einem Schüler an der Oberschule, die Sir Edmund Hillary in Khumjung in Nepal gründete. Lhakpa möchte studieren und Arzt werden. Um das zu schaffen, geht der 16-Jährige jede Woche fünf Stunden lang auf steinigen, meist steil bergauf führenden Pfaden zur Schule. "In der Monsunzeit durch den Regen, im Winter durch den Schnee. Es ist immer anstrengend." Doch er hat das Talent der Sherpas, allem etwas Positives abzugewinnen. "Auf dem Heimweg geht es bergab, dann dauert es nur drei Stunden." Lhakpas Leben wäre viel leichter, gäbe es einen Schulbus. Doch im ganzen Khumbu-Tal, der traditionellen Heimat der Sherpas unterhalb des Mount Everest , gibt es keinen Bus, kein Auto, kein Fahrrad - und nicht einen Meter befestigte Straße. Die gläubigen Buddhisten im Nordosten von Nepal gehen überallhin zu Fuß, ihr Hab und Gut auf dem Rücken. Oder sie reiten, falls sie sich Lasttiere leisten können, auf dem Rücken ihrer Jaks.

Ein kleiner, zweimotoriger Flieger bringt mich zur winzigen Piste im Dorf Lukla. Dort frage ich einen Sherpa, wie weit es bis zu dem imposanten Bergkloster Tengboche ist. Als Antwort nennt der Einheimische nicht die Entfernung (23 Kilometer) oder den Höhenunterschied (1000 Meter), sondern die Zeit: "Tengboche" Das erreichen Sie am vierten Tag." Ich wandere zu dem schönen steinernen Kloster, um den obersten Lama zu besuchen. Sein Titel Rinpoche bedeutet "der Kostbare".

Der von den Sherpas verehrte Ort liegt in 3900 Meter Höhe auf einem Grat, von dem aus man den wohl atemraubendsten Sonnenaufgang auf Erden beobachten kann. Wenn die Nacht dem Morgen weicht, liegt der rosafarbene Glanz der Morgendämmerung auf den schneebedeckten Gipfeln von acht umliegenden Bergen. Der Everest (8850 Meter) und sein Nachbar Lhotse (8501 Meter) sind die Juwelen in dieser gezackten Krone. Der Anblick erfüllt mich mit Ehrfurcht. Für den Besuch beim Lama lege ich Mütze und Schuhe ab, ehe ich seine Privatgemächer betrete.

Der 68-jährige Rinpoche gilt als Reinkarnation des ersten Lama in diesem Kloster. Daher genießt er einen Komfort wie sonst kaum einer seiner Anhänger. Er sitzt auf einem Polstersofa an einem polierten Holztisch. Eine helle Leselampe ragt über seine Schulter und beleuchtet seine Schriften. Sein Tee steht auf einer Warmhalteplatte. Als er fröstelt, winkt er einem jüngeren Mönch, worauf dieser einen elektrischen Radiator hereinrollt und den Thermostat aufdreht.

Als ich dem Lama konkrete Fragen zum buddhistischen Glauben stelle, verweist er mich auf seine Website. Gleichwohl ist der Rinpoche sehr besorgt wegen der Auswirkungen moderner Lebensweisen auf die Sherpa-Traditionen. "Als wir Sherpas noch Bauern mit Jaks und Kühen waren, war unser Leben gut", sagt er. "Jetzt arbeiten die meisten Leute im Trekkinggeschäft, aber dieses Geschäft steht und fällt mit Ereignissen anderswo auf der Welt. Ist das etwa besser?"


(NG, Heft 5 / 2003)
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