Bild: Donato Giancola Vergrößern
Es ist ein Fund, wie ihn auch gestandene Archäologen nicht alle Tage machen. "Leute", ruft Pawel Leus aus der vier Meter tiefen Grube. "Das hier ist grandios. Ein wahrer Schatz! Ich meine, wir sollten jetzt doch mal ganz schnell die Polizei verständigen."
Bei Arbeiten an einem Grabhügel - einem so genannten Kurgan - in der Republik Tuwinien in Sibirien hat der Forscher einen ersten Blick in eine mit Balken ausgekleidete, 2700 Jahre alte Grabkammer geworfen. Vor ihm liegen zwei Skelette. Und es gibt Gold. Viel Gold: ein riesiges, 1,5 Kilo schweres Pektorale (ein Halsring), ein kleineres Pektorale, zwei verzierte goldene Haarschmucknadeln, Dolche mit Goldeinlegearbeit und drum herum buchstäblich einen Teppich aus Gold.
Bild: Eremitage (links), Konstantin Tschugunow, Shawn Gould (Illustration) Vergrößern
Das russisch-deutsche Grabungsteam ist auf ein Herrschergrab der Skythen gestoßen - eines wenig bekannten nomadischen Volks, das vom 9. Jahrhundert v. Chr. an in Zentralasien lebte. Seine Kultur verbreitete sich westwärts nach Südrussland, in das Gebiet der heutigen Ukraine und sogar bis nach Schlesien. Um die Zeitenwende verschwanden die Skythen. Nach Leus lässt sich der russische Expeditionsleiter Konstantin Tschugunow von der Eremitage in St. Petersburg in die Grube hinab. Ihm folgen Hermann Parzinger und Anatoli Nagler vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Berlin. "Das ist ja unglaublich!", ruft Nagler aus. "Stimmt. Wir brauchen hier sofort eine Wache!" In der Republik Tuwinien, einer dünn besiedelten, gebirgigen Region vier Zeitzonen östlich von Moskau, ist Viehdiebstahl die häufigste Straftat. Aber was würde passieren, wenn die Leute erführen, dass mitten in dieser einsamen Landschaft ein sagenhafter Schatz liegt?
Bild: Eremitage, St. Petersburg Vergrößern
In dem Hügel werden in dieser Grabungssaison insgesamt 26 Gräber entdeckt. Und kein einziges ist ausgeraubt! "Für Sibirien ist das einmalig", sagt Tschugunow. "Archäologen haben hier zwar schon etwa 30 sehr große Kurgane wie diesen hier geöffnet. Aber noch nie ist es uns gelungen, einen ganzen unversehrten Grabkomplex zu finden." Aus den Grabbeigaben schließen die Forscher, dass bis zu 13 der Gräber nichts mit Skythen zu tun haben.
Hunnische Nomaden, die in späteren Jahrhunderten hierher kamen, suchten sich bestehende Kurgane als Ruhestätte für ihre Angehörigen, schufen aber nur flache Gräber. Unter dem weitläufigen Areal werden an verschiedenen Stellen jedoch auch skythische Gräber gefunden - neben dem Königsgrab noch weitere 20. Sie enthalten zwar weniger Objekte, geben aber Hinweise auf die Lebensweise der Skythen in einer Zeit, über die Wissenschaftler noch wenig wissen. "Dieser Kurgan gibt uns wohl mehr Informationen als alle skythischen Grabstätten, die jemals zuvor ausgegraben wurden", sagt Nagler.
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