Die Toskana

Artikel vom 01.09.2003  —  Autor: Robert Hellenga

Während meines Studienjahres in Italien wanderte ich häufig von Fiesole, einer früher etruskischen Stadt, die auf einem Hügel mit Blick auf Florenz liegt, nach Settignano, einem kleinen Dorf, in etwa acht Kilometer Entfernung auf einem anderen Hügel. Ich unternahm diese Fußmärsche bei jedem Wetter und folgte dabei schmalen Wegen, so genannten sentieri, oder Maultierpfaden, den mulattiere, die alle auf meiner detaillierten Generalstabskarte eingezeichnet waren. Dennoch verirrte ich mich häufig und musste dann in einem Bauernhaus nach dem Weg fragen. Auf diesen Wanderungen wurde ich oft mit wunderbaren Ausblicken auf Florenz belohnt. Das größte Geschenk aber war die toskanische Landschaft. Ich sah Olivenbäume, terrassenförmig angelegte Weinberge und blühende Wiesen. (Die Blumenwiese, auf der sich die Liebenden im Kinofilm "Zimmer mit Aussicht" küssen, liegt übrigens zwischen Fiesole und Settignano.) Ich sah Bauernhäuser und Kirchen aus erdfarbenen Steinen, flankiert von Zypressen. Ich sah, dass Natur und Kultur in Harmonie existieren können.

Seit den Zeiten der Etrusker gestalten Menschen diese Landschaft, ohne ihre natürliche Schönheit zu beeinträchtigen. Sie haben sie sogar gesteigert. Selbstverständlich sehen wir die Dinge nie unvoreingenommen, sondern meistens das, was wir sehen wollen - oder sollen. Für die frühen Florentiner Maler war die landschaftliche Schönheit der Toskana zum Beispiel kein Thema, da "Landschaft" in dieser Epoche keinen eigenständigen Wert besaß. Erst im 19. Jahrhundert entdeckte man die Natur und betrachtete sie nicht länger als bloßen Hintergrund für etwas Bedeutenderes. Die Vorstellung des "verzauberten Ortes" ist jedoch so alt wie die Menschheit selbst. Und unsere idealisierende Sicht auf die Toskana als einen Ort, an dem sich Natur und Kultur aufs Schönste ergänzen, hat lange Tradition - und sollte noch gestärkt werden.

Anstatt eine starre Grenze zwischen beidem zu ziehen, sollten wir anerkennen, dass unser Hang, die Landschaft zu gestalten, selber Teil der Natur ist. Die Bauernhäuser, in denen ich nach dem Weg fragte, brachten mich oft aus meinen Träumen in die nüchterne Realität zurück: Diese Anwesen haben keine Ähnlichkeit mit jenen pittoresken Landhäuschen auf den Gemälden des 19. Jahrhunderts. Die contadini pflügen ihre Äcker nicht mehr mit Ochsen, sondern mit Traktoren, sie arbeiten hart, und ihr Lohn ist ungewiss.

Viele ihrer Olivenbäume, die erst nach 30 Jahren Früchte tragen, überlebten den harten Winter des Jahres 1985 nicht. Oft sind die Höfe verwahrlost und übersät mit verrosteten Maschinen. Die Luft ist nicht mehr erfüllt vom Gegacker der Hühner, sondern vom Plärren des Fernsehers. Diese kleine Dosis Realität gab dem Ganzen in meinen Augen einen besonderen Reiz. Sie steigerte meine Wertschätzung der Landschaft und mein Gefühl, dass es zumindest eine kurze Zeit lang genügte, einfach nur da zu sein.


(NG, Heft 9 / 2003)
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