Die Wassergräber der Maya

Autor: Priit J. Vesilind  —  Bilder: Wes Skiles

Auftrag Unterwelt ausgeführt - Arturo González taucht aus dem engen Brunnenschacht auf. Im tropfenden schwarzen Neoprenanzug baumelt er in einem Metallstuhl, über seinem Kopf läuft das Seil Zentimeter um Zentimeter durch den quietschenden Flaschenzug. Der mexikanische Unterwasserarchäologe kommt vom Grund einer versteckten Doline - eines Einsturztrichters -, 20 Meter unter einem alten Steinbrunnen in der Dornbuschsavanne von Yucatán. In seinen Händen hält er ein Plastikgefäß mit Deckel. Er drückt den Fund Carmen Rojas in die Hände, die mit ihm das Forschungsprojekt leitet. "Nicht fallen lassen", sagt der jungenhafte 37-Jährige. Sie überhört die Bemerkung und trägt das Gefäß in das nach allen Seiten hin offene Konservierungslabor hinter der verlassenen Hazienda. Dort wartet Alejandro Terrazas, ein Spezialist für physische Anthropologie.

Sie nehmen den Deckel ab und sehen hinein. Terrazas zieht das Fundstück langsam hoch und wiegt es lächelnd in den Händen. Der dunkel verfärbte, nunmehr gelblichbraune Schädel ist Hunderte von Jahren alt. Doch Terrazas kann sich vorstellen, wie das Gesicht dieses jungen Maya einmal aussah. Die Stirn verläuft von den Augenhöhlen stark fliehend nach hinten - man hatte ihm als Säugling Holzbrettchen um den noch weichen Schädel bandagiert, um ihn länglich zu formen. Der Mann starb mit etwa 25 Jahren eines gewaltsamen Todes - sein Schädel weist Einschnitte auf, als hätte jemand mit einem Messer auf ihn eingehackt. Terrazas schaut sich die Kerben genau an. "Das sieht danach aus, als hätte man das Fleisch abgelöst", sagt er. Die Muskeln scheinen von oben über das Gesicht des Opfers nach unten gezogen worden zu sein. War dies ein Menschenopfer?

Es ist der erste Schädel mit Anzeichen von abgelöstem Gewebe, der in den Tiefen von etwa 20 Teichen gefunden wurde. Diese so genannten Cenotes wurden von einem Team der Abteilung Unterwasserarchäologie des mexikanischen Nationalinstituts für Archäologie und Geschichte (INAH) in den vergangenen zwei Jahren erforscht. Terrazas legt den Fund behutsam auf ein Bett aus nassen Baumwollwindeln - ein Akt wie in einer Sterbeklinik. "Den Maya diente der Körper als Gefährt für die Reise ins Jenseits", sagt er. "Wenn ein Priester ein Opfer vollzog, bewegte er sich in einem besonderen Universum - und half ihm, weiter zu bestehen. Gut und böse waren keine Kategorien. Ich möchte keine moralischen Urteile fällen. Ich möchte verstehen." Wes Skiles, ein bärtiger, breitschultriger Forscher und Fotograf aus Florida mit Lachfältchen um die Augen, hat das INAH-Team erstmals zu der Fundstätte geführt. An der dreiwöchigen Expedition nimmt auch eine Gruppe von Dokumentarfilmern teil.

Binnen sechs Jahren sollen alle Cenotes und überfluteten Höhlen von kultureller Bedeutung, die den porösen Kalkstein von Yucatán durchziehen, kartiert werden. Eine wachsende Zahl von Sporttauchern hat diese Stätten schon durchkämmt, manchmal auch beschädigt und geplündert. An der so genannten Maya Riviera dringen pro Jahr bis zu 10 000 Menschen in Cenotes ein.

Extras

Reiseführer-Tipp: NATIONAL GEOGRAPHIC TRAVELER Mexiko
Entdecken Sie mit dem NATIONAL GEOGRAPHIC Traveler Mexiko faszinierende Kulturen und Bräuche, die seit Jahrhunderten Abenteurer wie Reisende anlocken. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Kommentare (0)