Auf der Halbinsel Yucatán an der Karibikküste gibt es eine Affenart, die wie ein zorniger Jaguar heult. Sie lebt im Regenwald, auf dessen Blätterdach es so trocken ist wie in einer Wüste: In 50 Meter Höhe gedeihen Weihnachtskakteen! Dieser Schwarze Brüllaffe kommt nur selten auf den Boden herab. Den Maya galt dieses scheue Tier als mythisches, übernatürliches Wesen. Aber warum war das so? Wie bei vielen anderen Fragen über ihre Kultur weiß niemand eine genaue Antwort.
Die Maya erschienen vor mehr als 3000 Jahren in diesem unwirtlichen Landstrich. Sie entwickelten eine blühende Kultur, die sechsmal so lange währte wie das Römische Reich. Sie lebten nach einem Kalender, der unserem ähnelt, erfanden die Null in der Mathematik, sagten Sonnen- und Mondfinsternisse voraus und verfolgten den Lauf der Venus mit einer Abweichung von nur 14 Sekunden pro Jahr.
Es ist einige Jahre her, dass ich den Brüllaffen zum ersten Mal sah. Damals zog mich die Welt der Maya, die seine Heimat ist, in ihren Bann. Wir waren zu viert nach Guatemala gekommen, um die Höhle von Naj Tunich zu erforschen, die kurz zuvor entdeckt worden war und angeblich Wandmalereien enthielt. Unser Hubschrauber landete nahe einer Hofstelle, die neun Stunden Fußmarsch von der nächsten Straße entfernt war. Am Rand des Walds, der die Farm umgab, schlugen wir unser Lager auf. Das Land gehörte Bernabé Pop. Er hatte die Höhle entdeckt, als ein Reh sich vor seinem Hund hineinflüchtete. Immer wieder ausgleitend und rutschend, führte er uns tief in die Erde hinab.
Wir fanden keine Wandmalereien, aber Dutzende Holzkohlezeichnungen und Hunderte Schriftzeichen. George Stuart, ein Archäologe der National Geographic Society, und sein Sohn David verglichen diese Funde später mit den Qumran-Rollen vom Toten Meer, denn "sie stellen die Namen, Daten und Städte wie in einem Stammbuch zusammen".
Während meiner Reise lernte ich viel über die Maya. Vor allem, dass sie 400 Jahre nach der spanischen Konquista in vielen Teilen Südmexikos zahlreicher sind als die Nachkommen der europäischen Eroberer. Und ich erfuhr, dass die tropischen Wälder von Guatemala, Honduras und des mexikanischen Bundesstaats Chiapas im Gegensatz zur trockenen Halbinsel Yucatán ein Füllhorn der Natur sind, die schon den alten Maya ein gutes Leben ermöglichten. Und dass diese Wälder zehn bis 15 Prozent der natürlichen Arzneimittel liefern, die heute verschrieben werden. Aber jetzt war es wahrscheinlicher, hier das Kreischen von Motorsägen zu hören als den Schrei eines Affen. In den sechziger bis achtziger Jahren wurde allein in Mittelamerika ein Waldgebiet von der Größe Norwegens gerodet - auch danach wurde die Abholzung fortgesetzt. Der Schwarze Brüllaffe ist inzwischen auf der Liste der bedrohten Arten. Die Affen, die vor Jahren in Naj Tunich lebten, sind vermutlich längst verschwunden.
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