Drei Gipfel in drei Ländern - an einem Tag

Artikel vom 01.07.2003  —  Autor: T. R. Reid  —  Bilder: Joel Sartore

"Hoch von eurem Hintern, ihr pillocks", sagt der Einarmige. "Wir haben noch zwei Berge vor uns." Teils aus Neugier, vor allem aber, weil ich viel lieber noch ein bisschen sitzen bleiben möchte, anstatt meinen Körper schon wieder auf einen Berg zu schleppen, versuche ich, Zeit zu gewinnen. "Was ist ein pillock?" "Das weißt du nicht?", lacht Pete Crow, der Komiker in unserem Team. "Sprecht ihr Yankees kein Englisch?" - "Ein pillock ist ein Kerl, der immer rumnölt", meldet sich Phil Barnes, ein Mann mit Beinen wie Baumstämme, die in schwarze britische Armeestiefel gezwängt sind. Kelvin Highmore, die Vaterfigur unserer Truppe, schaltet sich erklärend ein. "Er meint, na ja, ein stupid berk. Ein skiver. Ein wally."

Ich habe verstanden: so'n Arschloch halt. Doch mein Unterricht in britischem Slang geht abrupt zu Ende. Tom Perkins, unser einarmiger Führer, zieht sich mit den Zähnen einen Handschuh über die Linke und beginnt, den steinigen Hang des Scafell Pike, Englands höchster Erhebung, hinaufzustapfen.

Wir rappeln uns auf und wanken ihm hinterher. Wir sind auf der zweiten Etappe von Großbritanniens berühmt-berüchtigter Three Peaks Challenge. Diese Tour haben die teuflischen Gehirne von Menschen ersonnen, die zum Spaß auf Berge klettern. Sie fordert Planung, Ausdauer und Willenskraft. Ihr Ursprung liegt in der einfachen Tatsache, dass Großbritannien zwar einige der größten Bergsteiger der Welt hervorgebracht hat - aber selber keine hohen Berge besitzt. Britische Kletterer trainieren normalerweise am Ben Nevis, einem kahlen Berg in den schottischen Highlands. Offiziell ist sein Gipfel der höchste Punkt Großbritanniens.

Das ist ungefähr so beeindruckend wie für Golfer die längste Spielbahn auf einem Minigolfplatz: Der Ben Nevis erhebt sich bescheidene 1344 Meter über die silbergrauen Lochs in Zentralschottland.

Der Aufstieg ist zwar nicht gerade ein Waldspaziergang - zumal es hier gar keine Bäume gibt -, aber einen erfahrenen Bergsteiger den Ben Nevis hinaufzuschicken, das kommt etwa der Bitte an einen Vier-Sterne-Koch gleich, eine Pizza zu liefern. Britische Kletterer packen manchmal zwei oder drei Gipfel in eine Tagestour, um diesen Mangel an Höhe auszugleichen. Die härteste Herausforderung dieser Art ist ein Treck von panbritannischen Ausmaßen: Er führt auf die jeweils höchsten Gipfel der drei Länder auf der großen britischen Insel. Es ist die "Three Peaks Challenge": Dazu muss man die höchsten Berge Schottlands (Ben Nevis, 1344 Meter), Englands (Scafell Pike, 977 Meter) und von Wales (Snowdon, 1085 Meter) besteigen. Und zwar innerhalb von 24 Stunden. Ziemlich verrückt, aber es geht - alles nur eine Frage von Organisationsgeschick, Ausdauer und Willenskraft.


(NG, Heft 7 / 2003)
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