Bild: Anup Shah Vergrößern
Seit ich zum ersten Mal den Sandstrand des heutigen Nationalparks Gombe in Tansania betrat, sind mehr als 40 Jahre vergangen. Die dicht bewaldeten Täler und die sprudelnden Bäche rund um den Tanganjikasee bildeten die Kulisse für eine der spannendsten Phasen meines Lebens. Obwohl ich kaum mehr als eine Ausbildung zur Sekretärin und viel Tierliebe zu bieten hatte, erteilte mir der Paläontologe Louis Leakey einen Auftrag: Bring die wilden Schimpansen dazu, deine Anwesenheit zu akzeptieren. Beobachte ihr Verhalten und schreib auf, was du siehst. Der Rest ist bekannt und gut dokumentiert, nicht zuletzt dank der National Geographic Society .
Damals wusste man so wenig über die scheuen Tiere, dass jede neue Beobachtung einer Offenbarung gleichkam. Die angeblich friedlichen, einfach strukturierten Vegetarier entpuppten sich als schlagkräftige, hochintelligente Jäger mit kompliziertem Charakter und Gefühlsleben. Sie waren zu Kommunikation und Altruismus ebenso fähig wie zum Schmieden politischer Bündnisse, zu Kindesmord, Kriegsführung und zum Herstellen von Werkzeugen - Letzteres galt bis dahin als eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen Mensch und Tier.
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Ohne die wissenschaftlichen Vorurteile jener Zeit zu kennen, gab ich jedem Schimpansen einen Namen. Ihre schillernden Persönlichkeiten umschrieb ich mit menschlichen Begriffen, was von so manchem Wissenschaftler höhnisch quittiert wurde. Ich gestehe gern, dass mir einige Schimpansen besonders sympathisch waren. Außerdem glaubte ich, dass ein gewisses Maß an Zuneigung für meine Studienobjekte dazu beitragen konnte, bereits kleine Änderungen ihrer Stimmung oder ihres Verhaltens wahrzunehmen. So gewann ich neue Erkenntnisse über die komplexen Sozialbeziehungen, und ich denke, die Geschichte hat mir Recht gegeben. 1986, nach mehr als 20 Jahren, gab ich die Freilandforschung auf, um mich ganz dem Schutz der Schimpansen zu widmen. Das Gombe Stream Research Center ist weiterhin in guten Händen. Eine neue Generation von Wissenschaftlern erforscht - gemeinsam mit dem engagierten tansanischen Personal - eine neue Generation von Schimpansen.
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Das Projekt gehört heute zu den größten Langzeitstudien an einer einzigen Tiergruppe, die es je gegeben hat. Die Arbeiten lieferten nicht nur Einsicht in die Komplexität des Schimpansenverhaltens, sondern auch in das Leben der frühen Menschen.
Neue Technologien ermöglichen weitere spannende Erkenntnisse. Wenn wir die DNA aus Stuhlproben analysieren, können wir heute bei vielen Schimpansen zum ersten Mal die Vaterschaft ermitteln und die Beziehungen zwischen den Männchen und ihren Nachkommen untersuchen. Wir wissen, dass sich Weibchen nicht mit ihren Brüdern oder Söhnen paaren. Jetzt können wir feststellen, ob dieses Inzesttabu zwischen Vater und Tochter ebenso gilt. Leider kommen aus Gombe aber auch bedrückende Nachrichten. Waldrodung gefährdet die Schimpansen heute in ihrer Existenz.
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