Eine Welt der vielen Götter

Artikel vom 01.07.2003  —  Autor: Erla Zwingle  —  Bilder: Randy Olson
Streitaxt aus der Bronzezeit (links), im türkischen Dorf Salpazari

Keine Bäume. Keine Telefone. Kein Luxus. Je höher man ins Bergland hinter der türkischen Schwarzmeerküste hinaufsteigt, je weiter man nach Georgien und in den Kaukasus vordringt, umso karger werden die Landschaft und das Leben der Menschen. Keine befestigten Straßen mehr. Man holpert über steinige Pfade und lässt Stück für Stück die Attribute des gewohnten Lebens hinter sich. Was bleibt, sind die Weite des Himmels und karge Hänge, auf denen nur Gras und Disteln wachsen. Dunkle Schluchten mit herabdonnernden Gletscherbächen begleiten die Reisenden. Und sie spüren die Kraft der Götter, die die Menschen dieser abgelegenen Gegenden seit je das Fürchten lehren.

Im 14. Jahrhundert v. Chr. baute ein junger Grieche namens Jason ein Schiff, gab ihm den Namen "Argo" und berief 50 Krieger, die ihn auf einer Reise von seiner Heimat bis ans Ende der damals bekannten Welt begleiten sollten. Dieses Kolchis genannte Gebiet umfasste den westlichen Landesteil des heutigen Georgien und erstreckte sich entlang der Küste des Schwarzen Meeres vom Kaukasus bis nach Trabzon. Dort hing an einer Eiche das Goldene Vlies, das von einer Schlange bewacht wurde, die niemals schlief.

Jason und seine Kameraden - die Argonauten - schworen, Aietes, dem König von Kolchis, dieses Vlies zu entreißen, mit welcher Tat auch immer. Eine mythische Geschichte, die zum Stoff für eine der berühmtesten Sagen der Antike wurde. Natürlich hat es Jason nie gegeben. Und jeder, der diese erst im 3. Jahrhundert v. Chr. aufgeschriebene Geschichte hört, erkennt das eigentliche Thema: die griechische Besiedlung der Schwarzmeerküste. Es war eine gefährliche Gegend, nicht nur wegen der plötzlichen Unwetter, die es noch heute dort gibt, sondern auch wegen ihrer kriegerischen Stämme, denen barbarische Bräuche nachgesagt wurden.

Aber nach und nach errichteten die Griechen eine Reihe von Städten an der türkischen Nordküste bis hinein nach Kolchis: lauter Stützpunkte für den Handel. Die Zeit der Griechen war nur eine Episode in der langen und verzweigten Geschichte dieser Region. Viele Kulturen hinterließen hier ihre Spuren. Und heute mischen sich im westlichen Georgien Sitten und Bräuche wie kaum anderswo: heidnische und christliche, jüdische und muslimische Riten, persische und mesopotamische, arabische, römische und russische Einflüsse.

Nur auf der schmalen Ebene entlang der östlichen Schwarzmeerküste der Türkei, die von jeher über Land und übers Meer mit der Außenwelt verbunden ist, hat das Leben mit dem Kalender Schritt gehalten, haben sich die Weltanschauungen weiterentwickelt. Das Hinterland der Osttürkei und Georgiens verharrt hingegen noch tief in der Vergangenheit. Die Menschen dieser rauen Bergregion - die Lasen, Hemsin, Çepni und Rum in der Türkei, die Swanen, Tuschen und Chewsuren in Georgien - haben trotz der Unterschiede in Sprache und Tracht gemeinsame Wurzeln, die weit in die Geschichte zurückreichen. Ihre Welt ist noch immer bestimmt von heiliger Ehre, Blutopfern, Rache, dem Hirtenleben und der Knochenarbeit für die Frauen.


(NG, Heft 7 / 2003)
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