Der kleine Merseqaq nahm an, dass ich mit dem Hundeschlitten nach Grönland gekommen war. Er war niemals anders gereist und dachte, dass die ganze Welt mit Eis bedeckt sei. Mit seinen sechs Jahren hatte er noch nie ein Auto gesehen. Er war auch noch nie geflogen und glaubte, die Welt sei eine Scheibe. Die Gruppe von Grönland-Inuit, zu der er gehört, hat sich bis heute ihre Eiszeitkultur bewahrt, die vor mehr als 4000 Jahren entstanden ist. Damals zogen die ersten nomadischen Jäger der winterkalten Zone von Ellesmere Island aus über das Eis nach Grönland. Und noch heute jagen sie mit der Harpune, tragen Tierfelle und reisen mit dem Hundeschlitten.
Der grönländische Nationalheld und Arktisforscher Knud Rasmussen (1879-1933) berichtet ausführlich von seinen Expeditionen. Ich habe jedes seiner zehn Bücher gelesen. 1993 bin ich zum ersten Mal in das kalte Land gereist, und nachdem ich die Grönländer einmal kennen gelernt hatte, kehrte ich immer wieder zurück.
Diesmal komme ich im Frühling. Meine Freunde Jens Danielsen und Mikile Kristiansen wollen mich auf ihren Beutezug entlang der Küste mitnehmen. Wir wollen Seehunde, Walrosse , Krabbentaucher und Eisbären jagen, ausschließlich zum Eigenbedarf. Treffpunkt ist Qaanaaq, die nördlichste Gemeinde der Welt. Grönland war einst eine dänische Kolonie, verwaltet sich heute aber weitgehend selbst. Jens und Mikile haben zwar dänische Namen. Doch sie sind Inuit - Nachfahren jener Jäger, die einst über die Bering-Landbrücke von Sibirien nach Alaska zogen, die kanadische Arktis durchquerten und bis nach Grönland vorstießen.
Diese Insel ist mehr als 2400 Kilometer lang, ihr höchster Gipfel etwa 3700 Meter hoch. Die bewohnbaren Gebiete liegen an der Küste, am Rand der großen Eiskappe, die den Großteil von Grönland bedeckt. Sie bestehen vor allem aus Felsen, auf welche Häuser gebaut sind. Es gibt keine Straßen, die die Dörfer miteinander verbinden; man fährt mit dem Boot oder mit dem Hundeschlitten, und bei gutem Wetter benutzt man auch schon mal das teure Hubschrauber-Taxi.
Die Ankunft eines Helikopters ist in jedem arktischen Dorf ein Ereignis. Der Schnee staubt, als wir aufsetzen. Qaanaaq mit seinen 650 Einwohnern und 2500 Hunden liegt im Nordwesten von Grönland an einem Hügel. Man kann auf den Fjord blicken, und auf dessen Eis ist immer etwas los: Schlitten werden aufgestellt, Hunde gefüttert oder angeschirrt. Jäger kehren nach einem Tag oder auch nach einem Monat von der Jagd in der weißen Wüste zurück. Möglicherweise brechen sie auch gerade zur nächsten Fahrt auf. Man sagt, dass das Leben eines Polar-Eskimos mit einer Reise beginnt und mit einer Reise endet. Und dass er sich - kaum zu Hause - bereits wieder auf die nächste Reise vorbereitet.
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