Im Schatten der Mauer

Artikel vom 01.01.2003  —  Autor: Peter Hessler  —  Bilder: Michael Yamashita

Bei jeder chinesischen Beerdigung gibt es mindestens einen glücklichen Menschen. Das erlebte ich auf meiner Fahrt durch Nordchina, wo es auch sonst nicht an Lektionen mangelt. So lernte ich, weder bei Nacht noch bei Regen zu fahren und die winzigen, auf meiner Karte rot eingezeichneten Straßen zu meiden. Ich lernte, dass chinesische Tankwarte meist junge Frauen sind und dem Kunden oft weiße Baumwollhandschuhe schenken. Ich lernte, vor schwarzen VW Santanas auf der Hut zu sein. Auf dem Land werden sie häufig von den unteren Chargen der Kommunistischen Partei gefahren, die zu den aggressivsten Autofahrern Chinas gehören. In Nordchina gibt es viele schwarze Santanas.

Ich wollte in einem gemieteten Jeep nach Westen, und ganz wohl war mir nicht in meiner Haut. Denn ich wusste nicht, wie die chinesischen Behörden darauf reagieren würden, dass ich als Ausländer allein mit dem Auto unterwegs war. Deshalb reiste ich in zwei Etappen. Von meinem Wohnort Peking fuhr ich in die Provinz Hebei, wo meine Reise am Ufer der Bo-Hai-Bucht begann. Auf der Landstraße wollte ich dann an dem Bauwerk entlangfahren, das wir als Chinesische Mauer kennen. Die Bedeutung der Chinesischen Mauer, die hier zu Lande auch Große Mauer genannt wird und heute als Symbol für ganz China gilt, wurde im vergangenen Jahrhundert durchweg falsch eingeschätzt. Obwohl sie allgemein als Einheit wahrgenommen wird, ziehen sich viele verschiedene Mauern durch Nordchina, die von vielen verschiedenen Dynastien erbaut wurden.

Erst in jüngster Zeit wurden die alten Mauern im Zusammenspiel zwischen ausländischen Missverständnissen und chinesischem Patriotismus unter einem einheitlichen Oberbegriff symbolisch zusammengefasst.

Viele Merkmale, die der Chinesischen Mauer zugeschrieben werden, sind falsch: dass sie durchgängig verläuft, dass das gesamte Bauwerk mehr als 2000 Jahre alt ist oder dass man es vom Mond aus sehen kann. Ich jagte also einem Mythos nach. Unterwegs erhoffe ich mir Begegnungen mit Menschen, die mich der Wahrheit näher bringen werden. Dabei geht es mir weniger um Wissenschaftler oder Experten als um Chinesen, die in der Nähe der alten Schutzwälle leben und Vergangenheit und Gegenwart des Bauwerks aus ihrer eigenen Warte betrachten.


(NG, Heft 1 / 2003)
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