In der Tiefe werde Licht

Artikel vom 01.08.2003  —  Autor: Richard A. Lutz  —  Bilder: Stephen Low Productions und Emory Kristof
Gespenstische Stille

Bild: Stephen Low Productions und Emory Kristof Vergrößern

Nichts als Finsternis zeigt der Blick durch das Bullauge eines U-Boots. Erst seine Hochleistungsscheinwerfer offenbaren Skulpturen wie die spitzen Zacken eines Sulfidschlots oder die filigranen Arme von Seesternen der Gattung Freyella, die ihre Nahrung aus dem Wasser filtern. Mit der National Science Foundation, einer Einrichtung der US-Regierung, und der Firma Stephen Low Productions (SLP) produziert ein Team von Wissenschaftlern einen Film im Imax-Format über dieses weitgehend unerforschte Ökosystem und seine fremdartige Lebensfülle. Wann er fertig wird, ist noch offen. In der dunklen Welt am Meeresboden ist nicht das Sonnenlicht, sondern die Chemosynthese der Motor des Lebens: Mikroorganismen wie Bakterien und Archaea wandeln Stoffe aus den heißen Quellen in Körpermasse um. Sie dienen dann größeren Tieren als Nahrung.

Rimicaris-Krebse

Bild: Stephen Low Productions und Emory Kristof Vergrößern

Rund 700 Meter tief hat das Forschungsschiff Atlantis eine Kamera in den Atlantik hinab gelassen. Die Geologen orten einen schneeweißen Schlot, der in der Hitze zu flimmern scheint. Bei einer Fahrt im U-Boot entdeckt die Besatzung einen Wald aus mineralischen Pfeilern, einer davon ist 60 Meter hoch. Sie taufen den Ort "Lost City". Es ist ein ganz neuartiges Feld unterseeischer Quellen: Seine Schlote speien Wasser, das nur mäßig heiß ist - 40 bis 75 Grad. Die Wärme entsteht hier durch eine chemische Reaktion zwischen dem Wasser und Peridotit, einem Gestein unterhalb der Erdkruste. Die Verbindung erzeugt eine alkalische Lösung, die im Aufsteigen zu Kalziumkarbonat kristallisiert und stalagmitenähnliche Formen entstehen lässt.

"Wenn wir den Leuten die Tiefsee näher bringen wollen, müssen wir sie erleuchten", sagt Stephen Low. Der Filmemacher und Emory Kristof - beide schon bei den Aufnahmen am "Titanic"-Wrack dabei - haben das U-Boot "Alvin" gemeinsam mit Tauchbootpiloten für die schwierige Aufgabe gerüstet. Acht 400-Watt-Lampen und ein 1200-Watt-Scheinwerfer erhellen das Wasser. "Wir haben uns immer am Rand des elektrischen Zusammenbruchs bewegt", erzählt Bill Reeve, der leitende Fotograf der Firma SLP.

Zaubergarten in der Tiefsee

Bild: Stephen Low Productions und Emory Kristof Vergrößern

Im Inneren von "Alvin" geht es eng zu: Neben dem Piloten hat nur ein Kameramann Platz. Den dritten Sitz belegt die Imax-Kamera. Da sie den größten Ausguck blockiert, steuert der Pilot nach dem Bildschirm. "Eine heikle Angelegenheit", sagt Pat Hickey, der oft glühend heißen Schloten ausweichen musste. Dafür werden die Zuschauer später vor der Filmleinwand das Gefühl haben, direkt am Meeresboden zu sein - und das mit viel besserem Ausblick, als ein im Tauchboot kauernder Wissenschaftler ihn je hatte.


(NG, Heft 8 / 2003)
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