Irak: Die Spur der Plünderer

Artikel vom 01.10.2003  —  Autor: Andrew Lawler  —  Bilder: Steve McCurry und Randy Olson
Ruinen der Stadt Ninive, Randy Olson (links unten)

Bild: Randy Olson (rechts und links oben), Steve McCurry Vergrößern

"Nicht schießen! Wir sind Amerikaner!", brüllt Henry Wright aus dem Autofenster. Es ist dunkel. Direkt vor unseren Scheinwerfern steht ein nervöser junger US-Soldat, der seine Maschinenpistole auf die Windschutzscheibe unseres weißen Geländewagens richtet. Man hat unser aus Archäologen und Journalisten bestehendes Team, das die Schäden an irakischen Ausgrabungsstätten aufnehmen soll, vor bewaffneten Plünderern gewarnt. Aber nicht vor Angriffen aus den eigenen Reihen.

Auf der Suche nach dem örtlichen Museum waren wir gerade durch Seitenstraßen der Stadt Nasirija gefahren, als wir plötzlich auf die Straßensperre stießen. Das Museum, stellen wir fest, ist jetzt eine Kaserne. Anlass für unsere Expedition im Mai dieses Jahres waren Berichte über massive Plünderungen von Kunst- und Kulturgütern der Region. Finanziert wird unsere Bestandsaufnahme von der National Geographic Society, geleitet von Henry Wright, Professor am Museum für Anthropologie an der Universität Michigan.

Goldschmuck aus Gräbern im historischen Nimrud, Donny George (rechts)

Bild: Bill Lyons, Nationalmuseum Bagdad; Steve McCurry (ganz rechts) Vergrößern

Während sich das Augenmerk der Weltöffentlichkeit hauptsächlich auf den Verlust - und die Rückgabe - von Kunstschätzen aus dem Nationalmuseum in Bagdad konzentrierte, gehen wir Hinweisen nach, dass arme Dorfbewohner und organisierte Banden historische Grabmale im gesamten Land plündern, um die Antiquitätengier von Ausländern zu bedienen. Vor allem die fünf amerikanischen Archäologen unter den Teilnehmern brennen jetzt darauf zu sehen, was hier nach dem Golfkrieg 1991 geschehen ist. Seither durften sie selber wegen der Restriktionen nicht mehr im Irak arbeiten. Unsere Expedition stößt auf Tragödien - aber auch auf Umstände, die hoffen lassen. Manche archäologische Stätten erinnern an Mondlandschaften. Plünderer haben hier binnen Wochen mehr beiseite geschafft, als Archäologen in Jahrzehnten ausgraben konnten. Andere wertvolle Stätten liegen unberührt unter der gleißenden Wüstensonne im Sand.

Replikate vor dem Freilichtmuseum in Tell Harmel (rechts), Margarete van Ess (rechts)

Bild: Peter Grunwald/DAI Berlin, Steve McCurry (rechts) Vergrößern

In Nasirija haben wir Glück. Major Glenn Sadowski hat eine Eskorte organisiert, um den irakischen Archäologen Abdul Amir Hamdany zu begleiten. Die beiden Männer sind ein ungleiches Paar. Sadowski ist ein strammer Reservist, dessen Zug im Golfkrieg 1991 sieben Männer verlor. Hamdany ist ein sanft sprechender Wissenschaftler, der aus seinem eigenen Museum vertrieben wurde. US-Soldaten haben es zu einem Bodybuildingstudio umfunktioniert und stemmen hier in ihrer Freizeit Hanteln. Weder der Major noch der Archäologe spricht die Sprache des anderen.

Aber Hamdany kommt Tag für Tag, steht in der Mittagshitze vor der Tür und bittet Sadowski um Hilfe. Und der Major hört zu, prüft, was er tun kann. Er weiß: Ohne die amerikanischen Truppen oder bezahlte irakische Wächter, die rund um die Uhr aufpassen, bleiben viele archäologisch wertvolle Grabungsstellen das Ziel von Plünderern. Der Iraker Hamdany verlässt sich auf den Amerikaner Sadowski. Vertrauen und gegenseitiger Respekt, an diesen dünnen Fäden hängt zur Zeit die Zukunft der Geschichte des Irak.


(NG, Heft 10 / 2003)
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