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Ein überraschend martialisches Verhalten für eine Spezies, die als nicht besonders aggressiv gilt, zumindest Menschen gegenüber. Schimpansen kommen durch Baumkronen auf uns zu, sie heulen wie ein Rudel hungriger Raubtiere auf der Jagd. Und genau das sind sie in diesem Augenblick: hungrige Raubtiere. Sie springen von Ast zu Ast, schnattern aufgeregt und machen gewaltigen Krach. Lianen zittern, Zweige fallen zu Boden. Mit aller Kraft schütteln sie die Baumkronen, als würde ein Sturm toben. Ihr Kriegsgeschrei ist unheimlicher als der Klang von Armee-Dudelsäcken im schottischen Hochmoor. Zwischendurch halten sie inne, sehen sich mit großen Augen um und spähen auf dem Boden nach Beute. Schimpansen sind nämlich keineswegs Vegetarier: Normalerweise fressen sie zwar Früchte und Blätter, aber wenn sie Frischfleisch bekommen können, sind sie nicht zu halten.
Bild: Anup Shah Vergrößern
Diese Gruppe hat sich durch das Blöken eines vermeintlich erschöpften Duckers anlocken lassen. Solch eine kleine Waldantilope kann für sie zum Leckerbissen werden. Vielleicht haben sie mit einem verwundeten erwachsenen Tier gerechnet, mit einem neugeborenen Jungen oder zumindest mit der nahrhaften Nachgeburt. Jedenfalls ist ihnen nicht klar, dass der Ruf des Duckers nur eine Finte war: Er wurde von Youngai ausgestoßen, einem Pygmäen vom Stamm der Bambendjellé. Im Unterholz wartet er nun schweigend auf die Affen. Was sie auch nicht wissen, ist, dass neben Youngai noch drei andere menschliche Besucher sitzen. Und wir sind alle aufgeregt: Schimpansen zu begegnen, die so kühn sind, uns mit Frischfleisch zu verwechseln, das ist schon etwas Besonderes.
Als die Affen näher kommen und uns am Boden sitzen sehen, lässt ihre Erregung nicht nach - aber sie verändert sich. Sie wirken überrascht und verblüfft. Wir können genau verfolgen, wie unser Anblick langsam in ihr Bewusstsein dringt.
Angst scheinen sie nicht zu haben, aber ihre Drohgebärden verschwinden. Jetzt sind sie vor allem eins: neugierig. Sie lassen sich genau über unseren Köpfen auf den Ästen nieder und machen es sich gemütlich; dabei gaffen und schwatzen sie wie Schulkinder, die zum ersten Mal einen Affenkäfig sehen.
Bild: Michael Nichols Vergrößern
Das alles geschah am 28. September 1999, dem neunten Tag von J. Michael Fays großer Wanderung durch Zentralafrika. Schauplatz dieser engagierten Expedition war das Goualougo-Dreieck, ein völlig unberührtes Dschungelgebiet im Nordwesten der Republik Kongo. Von hier aus wanderte Fay weiter und weiter, bis er nach 447 Tagen den Atlantik erreichte. Der Biologe Dave Morgan blieb und setzte seine Beobachtung der Schimpansen von Goualougo fort. Keiner von uns konnte damals wissen, dass wir uns drei Jahre später wiedersehen würden, um Jane Goodall, der berühmtesten Schimpansenexpertin der Welt, einen Blick auf diese zutraulichen Tiere zu ermöglichen.
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