"Flussmanagement, das ist die Zukunft der Kartografie." Die Bilder, die John Kelmelis, der Chefgeograph der staatlichen Geologiebehörde der USA (USGS) in Reston, Virginia, auf dem Schirm seines Computers erscheinen lässt, sind nach den Überschwemmungen an Elbe und Oder auch deutschen Fernsehzuschauern vertraut: "Sehen Sie diesen Damm?", fragt der Wissenschaftler und zeigt auf den Monitor. "Was geschieht, wenn ich ihn entferne oder zurückverlege oder wenn der Fluss ihn überspült? Welche Siedlungen würden dann überflutet?" Ein Mausklick, und blaue Farbzungen kriechen über das Land, bedecken Felder, Straßen und Städte. Das Computerprogramm berücksichtigt alle Wellen und Dellen des Geländes, die Wassermenge der Flüsse, ihre Fließgeschwindigkeit, die Beschaffenheit des Bodens und die Landnutzung an den Ufern.
Solche Computerkarten werden heute mit Daten von Satelliten aus der Erdumlaufbahn angefertigt. Sie können Ingenieuren und Politikern zum Beispiel helfen, über Baugenehmigungen zu entscheiden. "Statische Landkarten reichen da oft nicht mehr aus", sagt Kelmelis. Satelliten und Computer haben die Kartografie in den vergangenen Jahren so grundlegend verändert, dass Geschichtsschreiber schon bis ins 15. und 16. Jahrhundert zurückblicken müssen, um vergleichbare Umwälzungen zu finden - in die Zeit, als Kolumbus Amerika entdeckte und Magellan mit der ersten Weltumsegelung bewies, dass die Erde eine Kugel ist.
Heute wird die Wahrnehmung des Kartografen nicht mehr auf das beschränkt, was für seine Augen erkennbar ist. Anstatt auf Teile schaut er auf die Welt als Ganzes - aus der Erdumlaufbahn. Sensible Sonden offenbaren ihm die unterirdische Gestalt der Kontinente. Radarwellen durchdringen das Dickicht von Urwäldern, aber auch Wolken und Nebel. Damit wurden schon die ersten Landkarten der ewig in dichte Schleier gehüllten Berge und Ebenen des Planeten Venus gezeichnet.
Per Radar kann man sogar in die Vergangenheit sehen: Seine Strahlen haben unter dem Wüstensand von Ägypten antike Wasserstraßen entdeckt und Archäologen zu den Siedlungen früher Menschen geführt. Moderne Abenteurer lassen sich per GPS durch Wald und Wüste lotsen. Landkarten auf Papier? Bald vielleicht nur noch etwas für Ästheten und Liebhaber kartografischer Handwerkskunst.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus