Kontrolle total

Artikel vom 01.11.2003  —  Autor: David Shenk  —  Bilder: George Steinmetz

Kontrolle wird zum Alltag. Unser Leben wird zunehmend geprägt von Ausweiskontrollen, Überwachungskameras, Körpervermessung, Datenbanken für Fingerabdrücke, E-Mail-Filtern und abgehörten Handygesprächen. Zählt man Haushaltselektronik wie Nannycams - Kameras zur Überwachung von Babys (und Babysittern) -, tragbare EKG-Messgeräte, Ausweise mit Magnetkarten oder Mautzähler hinzu, so wird einem allmählich bewusst: Man kann uns sehen - wann und wo auch immer. In totalitären Regimen, die den Anspruch ihrer Bürger auf Privatsphäre ohnehin nicht anerkennen, mag es wenig überraschen, dass aus dieser Form von Überwachung, die alles sieht und alles weiß, George Orwells Big Brother Wirklichkeit zu werden scheint. Doch Orwell sah in seinem Roman 1984 nicht voraus, wie umfassend die Überwachung auch in freien Gesellschaften sein würde. Nicht von Despoten aufgezwungen, sondern allmählich gewachsen und akzeptiert - im Namen von Freiheit, Sicherheit und Schutz des Einzelnen.

Nehmen wir Großbritannien, Orwells Herkunftsland. In den Siebzigern und Achtzigern begannen einige Gemeinden, Überwachungskameras auf Straßen und in Parks, Bahnhöfen, Sportstadien und Einkaufszentren zu installieren. Anschläge der radikalen irischen Unabhängigkeitsorganisation IRA sowie eine bedrohliche Zunahme von städtischer Kriminalität führten in den neunziger Jahren zu noch mehr Kameras.

Inzwischen hat die Regierung den Überblick über deren tatsächliche Anzahl verloren. Im ganzen Land sollen es mehr als vier Millionen sein - pro Kopf mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Auf etwa 15 Menschen kommt in Großbritannien also eine Überwachungskamera. Ein London-Besucher, schätzt der britische Soziologe Clive Norris, wird an einem einzigen Tag durchschnittlich 300-mal auf Video aufgenommen. In einer Studie von Überwachungstrends in Großbritannien heißt es, bald sollten alle Briten damit rechnen, dass ihr Verhalten kontrolliert werde, sobald sie außerhalb ihrer Wohnung sind.

Der tatsächliche Nutzen ist nicht klar. Die Ergebnisse von Untersuchungen, wie sich die Überwachung auf die Verhinderung von Kriminalität auswirkt, widersprechen sich. Dennoch scheint die Öffentlichkeit die Kameras zu wollen. Übrigens auch in Deutschland. Nach einer aktuellen Umfrage des Allensbach-Instituts befürworten 68 Prozent die Überwachung öffentlicher Plätze durch Kameras.

Was einmal zur Abschreckung gedacht war, gilt nun als erstrebenswerter Schild zum Schutz der freien Gesellschaft vor sich selber. Und kommt es dennoch zu einem Verbrechen, erhöht sich die Chance, den Täter in flagranti zu beobachten. Wie vorsichtig man allerdings mit Videobildern umgehen muss, zeigte kürzlich erst die Suche nach dem Mörder der schwedischen Außenministerin Anna Lindh. Ob die verhafteten Verdächtigen die sind, die die Kamera zeigt, muss immer erst noch bewiesen werden.


(NG, Heft 11 / 2003)
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