Vergrößern
Bei Temperaturen von mehr als 30 Grad stapfen wir durch endlosen Sumpf. Es ist die Hölle. Blutdurstige Moskitos fallen über uns her, und bei jedem Schritt müssen wir die Stiefel mühsam aus dem Schlamm ziehen. Doch vor uns lockt ein rosafarbener Horizont. Dann sind wir am Ziel: Wir schauen auf 70 000 nistende Flamingos mit unzähligen Jungen - die größte Kolonie dieser Art in der westlichen Hemisphäre.
Ich setze mich auf ein verlassenes Nest und mache meine Kamera fertig. Genau vor mir, und ohne sich durch mich stören zu lassen, beugt sich ein Flamingo zu seinem Küken und füttert es mit vorverdauter Nahrung. Allein dieser Augenblick war die Strapazen wert für mich und meinen Freund Juan Soy. Er ist Biologe an der Universität in Havanna und beaufsichtigt im Auftrag der kubanischen Naturschutzbehörde 48 der 263 Schutzgebiete, die fast ein Viertel der Fläche Kubas einnehmen. Die wichtigsten Brutplätze der Flamingos liegen im Humedal Río Máximo-Cagüey, das kürzlich als eine von sechs Regionen der Insel in die Liste der international bedeutsamen Feuchtgebiete aufgenommen wurde.
  Vergrößern
Die Unzugänglichkeit der Landschaft dürfte ihr bester Schutz sein. Das gilt wahrscheinlich auch für viele der anderen - weitgehend unbekannten - Naturwunder Kubas. Vor meiner Reise nach Kuba hatte ich diese größte Karibikinsel nur mit Castro und Zigarren, weißen Stränden und heißen Rhythmen verbunden. Ich hatte keine Ahnung von der unvorstellbaren Artenvielfalt des Landes. Mit Hilfe des kubanischen Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Umwelt erhielt ich einen für Ausländer noch nie da gewesenen Zugang zu einigen der urtümlichsten Inselwildnisse der Welt. Fünf Monate lang reiste ich Tausende von Kilometern kreuz und quer und lernte Kuba als ein zweites Galápagos kennen - bewahrt durch seine Rückständigkeit, aber auch durch Menschen, die sich für die Natur einsetzen.
  Vergrößern
Auf einer Länge von 1200 Kilometern beherbergt diese Insel die größte Vielfalt von Landschaftsformen und Lebewesen in der ganzen Karibik. Ein Grund dafür sind ihre Böden, die aus verschiedenen Gesteinsarten entstanden sind. Die vermischten sich, als die karibische Platte der Erdkruste gegen die nordamerikanische prallte. Durch diese Kollision erhob sich vom Meeresboden ein Gebirge, dessen Gipfel heute die Inseln der Großen Antillen bilden.
Kuba ist ein Land der Extreme - und eine Menge davon lernte ich kennen. In ausgewaschenen Kalksteinhöhlen hielt ich die zerfallenden Knochen ausgestorbener Tiere in den Händen. Ich sah einen der kleinsten Frösche der Welt. Ich beteiligte mich zwei Wochen lang an der - vergeblichen - Suche nach dem Kuba-Schlitzrüssler, einem insektenfressenden Säugetier, das von verwilderten Hunden und Katzen beinahe ausgerottet worden ist. Und um ein paar nur hier heimische Bäume zu fotografieren, hing ich an einem Seil 50 Meter über dem Boden.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus