Aufgewachsen bin ich im Süden Englands, in einer Landschaft von schlichter Perfektion: kleine Kirchen, Dörfer, Täler, Hügel, flaches Land, dunkelgrüne Wälder, buttergelbe Senffelder, blaue Flachsfelder, rote Mohnblumenfelder. Mit acht Jahren trat ich an der Hand meiner Mutter aus einem Londoner Bahnhof in eine Stadt hinaus, die in dichtem Nebel lag. Die Menschen wirkten wie Gespenster, die Gebäude wie höhnisch grinsende Ungeheuer, die Autoscheinwerfer wie die Augen wilder Tiere. "Schwarz und schrill erscheint die Stadt zu solchen Stunden", schrieb Charles Dickens, "sie verbindet die Eigenschaften eines rauchigen Hauses mit denen einer zänkischen Frau ... Eine hoffnungslose Stadt, über der sich auch nicht der kleinste Spalt am blaugrauen Himmelsgewölbe auftut."
Das schien der Wahrheit recht nahe zukommen. Die Dickenssche Welt war nicht fern in einer Stadt, in der lediglich ein Drittel der Bevölkerung ein Bad, eine Toilette und einen Herd für sich allein hatte. Fast die Hälfte besaß überhaupt kein Bad, Zentralheizung war ein exotischer Luxus, und der Rauch der Kohlenfeuer verband sich mit der Feuchtigkeit zu einem Smog, der alles erstickte. Die einzigen Farbtupfer stammten von den vorbeifahrenden roten Bussen. Das war etwa um 1950. Das Gesicht von London war voller Narben, die der Krieg hinterlassen hatte. Die Häuserzeilen voller Lücken erinnerten an zahnlose Münder, von Unkraut überwuchertes Ödland hatte sich wie eine Hautkrankheit über die ganze Stadt verbreitet.
Längst ist London geheilt. Die Straßen blitzen farbenfroh wie Bonbons. Die Stadt tritt selbstbewusst auf. Sie hat ein menschliches Maß. Das zeigt sich am besten im Sommer, wenn die Leute aus Pubs, Bars und Cafés auf die Bürgersteige drängen und die Straßen sich erst spätnachts wieder leeren.
Dann bleiben die weißen Häuserzeilen und Plätze still zurück, und am Berkeley Square singen, soviel ich weiß, noch die Nachtigallen. Ich lebte mit Anfang 20 zum ersten Mal in London. Damals zog ich von Wohnung zu Wohnung, immer in Unrast - und verschwand wieder.
Zehn Jahre später kehrte ich mit Frau und Tochter zurück in einen Bezirk, in dem schöne stuckverzierte Häuser im Regency-Stil und aus dem Viktorianischen Zeitalter eingezwängt standen zwischen Hochhäusern aus den fünfziger Jahren, die wie Geschützstellungen finster auf das Viertel herabblickten. Wir zogen in eine andere Gegend, an einen schmalen rautenförmigen Park, ich pendelte zehn Jahre lang ins Royal National Theatre und blickte aus dem Fenster meines Büros auf die träge, schwarze Themse. "Warum ",so frage ich mich heute, "sollte man London überhaupt verlassen wollen?"
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