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Eine "singende Wildnis" entdeckte der Naturforscher Sigurd Olson (1899 bis 1982) bei seinen Wanderungen durch die Boundary-Waters-Region. Dieses Geflecht von Wäldern und Seen erstreckt sich beiderseits der Grenze zwischen dem US-Bundesstaat Minnesota und der kanadischen Provinz Ontario. Hier war das Land so still, dass er "die Natur sprechen hörte"; hier war ein Ort des Friedens, "den wir nicht nur mit unseren Sinnen fühlen und erleben, sondern mit ganzem Wesen". Auf dieses Lied der Stille, so meinte er, würden wir alle horchen, ob wir uns dessen bewusst seien oder nicht - so, "wie kranke Tiere nach heilenden Kräutern suchen". Ehe Olson als alter und weiser Mann starb, hatte ich das Glück, mit ihm gemeinsam durch diese Wälder zu streifen und über diese Seen zu paddeln. Es ist nicht zuletzt sein Verdienst, dass 1978 mehrere hunderttausend Hektar des Staatswaldes am Oberen See auf amerikanischem Gebiet zur geschützten Boundary Waters Canoe Area Wilderness erklärt wurden.
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Seit den zwanziger Jahren hatte er dafür gekämpft, die Gegend von Straßen, Dämmen, Flugzeugen und motorisierten Booten freizuhalten. In seinem Heimatort Ely lynchten seine Gegner einmal stellvertretend für ihn eine Puppe. Bis heute hält der Streit zwischen Kanu und Motor an. Um den örtlichen Frieden zu wahren, dürfen Motorboote auf einigen Seen des Schutzgebiets verkehren. Ich wohne 30 Kilometer östlich von Ely. Mein Grundstück ist vom National Forest umgeben und grenzt an das Schutzgebiet.
Ich liebe die reinigenden Schneefälle des Winters. Dann pirscht sich das Frühjahr heran, und Tausende mit Inseln übersäte Seen nehmen das Schmelzwasser ihrer dicken Eispanzer in sich auf. Die Verwandlung der Natur ist so intensiv, dass es mir vorkommt, als machte ich eine lange Reise, ohne mein Haus zu verlassen.
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Beinahe über Nacht wird es Sommer. In diesen Breiten muss man das Heranstürmen dieser Jahreszeit täglich verfolgen, wenn man keine Entwicklung verpassen will. Ich beschließe, jeden einzelnen Tag zu fotografieren - von der Sonnenwende im Juni, wenn sich der Tag von halb fünf Uhr früh bis halb zehn am Abend dehnt, bis zur Tag-und-Nacht-Gleiche im September. 93 Tage lang.
Ich reise vom Uncle Judd's Creek, der sich vor meinem Fenster in einen Wasserfall ergießt, hinauf zu den Seen des Quetico Provincial Park in Kanada. Natürlich gibt es miserable Tage voller Kriebelmücken und Moskitos. Aber die Moskitos bestäuben unsere herrlichen Orchideen, und ich bin sicher, dass auch die Kriebelmücken in der Natur einen Sinn haben. Für Sigurd Olson war klar, "dass es ohne Stille kein Wissen geben kann". Und wer einmal die singende Wildnis erlebt hat - ob hier oder an einem anderen Ort, an dem die Natur wahrhaft regiert -, kann sie später selbst in der lärmigsten Großstadt in sich tragen.
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