Moderne Sklaven

Artikel vom 01.09.2003  —  Autor: Andrew Cockburn  —  Bilder: Jodi Cobb

Für die meisten Menschen ist die Sklaverei ein Problem von gestern. Die Bilder, die wir vor Augen haben, stammen meist aus dem 19. Jahrhundert und zeigen schwarze Feldarbeiter in Ketten. "Damals blühte die Sklaverei, weil es nicht genügend Arbeitskräfte gab", erläutert Mike Dottridge, der ehemalige Vorsitzende von Anti-Slavery International. Diese Organisation wurde 1839 gegründet, um den Kampf weiterzuführen, der zur Abschaffung der Sklaverei im britischen Empire geführt hatte. Forschungen des Sklavereiexperten Kevin Bales ergaben, dass der Durchschnittspreis für einen Sklaven im Jahr 1850 knapp 40 000 Euro betrug, nach heutigem Geld gerechnet.

Ich besuche Dottridge in der Zentrale der Organisation in Stockwell, einem unscheinbaren Stadtteil im Süden von London. "Im 19. Jahrhundert", sagt Dottridge, "wurden Schwarze verschleppt und zur Sklavenarbeit gezwungen. Heute werden Menschen, die sich ein besseres Leben erhoffen, in die Schuldsklaverei getrieben.

Ihre Zahl ist so groß, weil es auf der Welt so viele verzweifelte Menschen gibt." An den Bürowänden hängen Fotos von heutigen Sklaven: Zwangsarbeiter in Westafrika, pakistanische Kinder, die an den Persischen Golf verschleppt werden, um Rennkamele zu reiten, thailändische Kinderprostituierte. In den Aktenschränken stapeln sich die Berichte: über brasilianische Sklavenkolonnen, die den Amazonasregenwald abholzen, um Holzkohle für die Stahlindustrie zu gewinnen; über indische Farmarbeiter, die Schulden an ihre Besitzer ketten, die sie von ihren Eltern geerbt haben und die sie an ihre Kinder weitergeben.

Das Kaufen und Verkaufen von Menschen ist ein profitables Geschäft, weil der Transfer von Geld und Waren im Zuge der Globalisierung leichter geworden ist. Andererseits wird Migranten vielerorts die legale Einwanderung durch immer striktere Beschränkungen erschwert. Wer nicht genug Geld hat, um sich über die Grenzen schmuggeln zu lassen, landet fast immer in den Händen der Menschenhändlermafia.

"Das illegale Einschleusen von Ausländern und der Menschenhandel funktionieren auf genau die gleiche Art, und sie spielen sich auf genau den gleichen Routen ab", sagt ein erfahrener Mitarbeiter der amerikanischen Einwanderungsbehörde. "Sie unterscheiden sich allein durch das, was am Ende mit den Menschen passiert." Weil strengere Grenzkontrollen höhere Preise für den Menschenschmuggel nach sich ziehen, müssen sich immer mehr illegale Einwanderer bei den Schleppern verschulden und das Geld als Sklaven abarbeiten.


(NG, Heft 9 / 2003)
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus