Mongolei: Treck ins Ungewisse

Artikel vom 01.10.2003  —  Autor: Glenn Hodges  —  Bilder: Gordon Wiltsie

Seit Generationen überqueren die Menschen die Berge im Norden der Mongolei und immer wieder fordert der Treck seine Opfer. Wenn es Herbst wird im Darchadbecken, beladen Hunderte von Familien ihre Ochsen und treiben ihre Schafe, Ziegen und Rinder zu den Winterweiden. Dort steht das Gras hoch genug, um die Herden bis zum Frühjahr zu ernähren, und es ist gut zehn Grad wärmer. Zwischen dem Tal und den Weiden ragen 3000 Meter hohe schneebedeckte Gipfel auf. Sie können ebenso grausam sein wie wunderschön.

Bevor ich in die Mongolei reiste, fand ich die Vorstellung außerordentlich verlockend, dass man an einem Ende des Landes aufs Pferd steigen und bis zum anderen Ende durchreiten kann, ohne auf einen Zaun oder eine gepflasterte Straße zu stoßen. Ich zuckte innerlich zusammen, als ich las, Premierminister Nambaryn Enkhbayar plane, eine Schnellstraße quer durchs Land zu bauen; er träume davon, dass sich 90 Prozent der Bevölkerung bis zum Jahre 2030 in Städten angesiedelt haben werden, sagt er.

Von seinem Regierungssitz in Ulaanbaatar aus, der Hauptstadt der Mongolei, sah er ein rückständiges Land, das unbedingt den Schritt in die Moderne vollziehen muss. Von meiner Warte in den verstopften Straßen Washingtons aus sah ich den letzten noch unberührten Ort. Doch wie beurteilt man, ob etwas Rettung oder Zerstörung ist? Kulturwandel ist ein schwieriges Phänomen. Er zwingt zu einem ganzen Bündel von Kompromissen, die nicht unbedingt auf den ersten Blick einzuschätzen sind. Man denke etwa an den Einfluss der Sowjetära: Bis 1990 hielt die Sowjetunion die Mongolei mehr als sechs Jahrzehnte lang in ihrem eisernen Griff. Von Moskau gelenkt, löschte die sozialistische Regierung der Mongolei die buddhistische Führungsschicht des Landes aus.

Tausende von Lamas wurden ermordet, Tempel und Klöster zerstört. Die Regierung zwang Hirten, ihre Tiere an Kollektive abzutreten, und legte einem Volk, dessen Leben sich bis dahin kaum nach der Uhr gerichtet hatte, bürokratische Fesseln an. Andererseits hatten die meisten dieser Menschen auch nie lesen gelernt. Mit sowjetischer Hilfe aber errichtete die Mongolei im ganzen Land Schulen und erreichte eine Alphabetisierungsquote von praktisch 100 Prozent. Renten, kostenlose Gesundheitsfürsorge und regelmäßige Gehälter erleichterten den Hirten das Leben.

Von vielleicht größter Bedeutung war, dass die Sowjets den Mongolen halfen, den Einfluss der Chinesen zurückzudrängen. China hatte die Äußere Mongolei lange als Teil Chinas betrachtet. Erst 1921 wurden die chinesischen Truppen vertrieben - mit russischer Unterstützung. Beinahe 70 Jahre lang lebte die Mongolei mit der Mischung aus Vor- und Nachteilen, die ihr der Sowjetsozialismus bescherte. Nun, da er Geschichte ist, stehen dem Land völlig neue Kompromisse ins Haus.


(NG, Heft 10 / 2003)
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