Bild: Archiv des Deutschen Alpenvereins, München/W. Pulfer Vergrößern
Am 3. Juli 1953, in fast 7000 Meter Höhe, ist für Hermann Buhl um ein Uhr früh die Nacht zu Ende. Der junge, drahtige Mann kocht Tee, dann zieht er sich - es sind minus 20 Grad - im Schlafsack an: drei Garnituren Unterwäsche, Hose und Überhose, einen dünnen Pullover, Wickelgamaschen. Der 28-Jährige aus Innsbruck hat sich viel vorgenommen. Heute soll der Gipfel des 8126 Meter hohen Nanga Parbat fallen, jenes Achttausenders, der bisher 31 Menschenleben gefordert hat. Als "c" tituliert ihn reißerisch die Boulevardpresse, denn an keinem der Eisriesen des Himalaja haben so viele Alpinisten ihr Leben gelassen. Buhl lässt sich davon nicht beeindrucken. Ebenso wenig davon, dass er auf dem "Schicksalsberg der Deutschen" steht, dessen Ersteigung die NS-Propaganda in den dreißiger Jahren zum höchsten bergsteigerischen Ziel erklärt hatte. Zur nationalen Aufgabe, die der ganzen Welt die Überlegenheit der "deutschen Heldenrasse" zeigen sollte.
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Eher stört ihn schon der Streit mit der eigenen Expeditionsleitung. Den Befehl der Herren Herrligkoffer und Aschenbrenner, wegen angeblich schlechten Wetters abzusteigen, hat er ignoriert. Von hier oben sieht er besser als die Kameraden im 3000 Meter tiefer gelegenen Basislager, ob der Gipfelgang möglich ist oder nicht. Ist doch reine Anmaßung, von da unten die Expedition "leiten" zu wollen. Buhl weiß, dass es heute geschehen muss. Heute, weil das Barometer schönes Wetter anzeigt, weil er optimal vorbereitet ist und er vor "Auftrieb" - so nennen Bergsteiger den Drang zum Gipfel - beinahe platzt. Und vor allem auch deswegen, weil die Funkgeräte längst jene Meldung aufgefangen haben, die ihn noch mehr motiviert: dass die Engländer den Everest bezwungen haben.
Also geht er los. 1125 Höhenmeter, rechnet man die An- und Abstiege hinzu sind es sogar 1300 Meter, trennen ihn vom Gipfel. Grausame sechs Kilometer Luftlinie. Zurückzulegen ist ein Weg über scharfe Grate und hitzekochende, von Firnschnee bedeckte Plateaus. Noch nie in der Geschichte des Achttausenderalpinismus ist ein Gipfel aus einer so weiten Distanz angegangen worden. Und Buhl geht allein. Verzichtet auf alles, was ihn belasten könnte. Nimmt weder Biwaksack noch Kocher mit, nur dürftige Verpflegung und einen halben Liter Koka-Tee. Bis Mittag will er am Gipfel sein, am Abend wieder zurück im rettenden Zelt. Durch Schnelligkeit hofft er, den Gefahren der Todeszone zu entkommen.
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