Petra - die geheimnisvolle Stadt der Nabatäer

Artikel vom 01.08.2003  —  Autor: Don Belt  —  Bilder: Annie Griffiths Belt

Die Kamele waren beladen, die Lagerfeuer gelöscht. Frühnebel lag über dem Weihrauchgehölz im Oman, als die Karawane aufbrach. Die Männer reisten mit wertvoller Fracht, sie hatten zwölf beschwerliche und gefährliche Wochen vor sich. Wachsam, in ständiger Sorge vor einem Hinterhalt der Räuberbanden, zogen sie durch die tiefen Schluchten des Jemen. Hatte die Karawane Glück, erreichte sie damals Medina. Dort trieb sie Handel, ruhte sich aus, sammelte neue Kraft.

Dann wieder Aufbruch, Richtung Norden, durch schattenlose Höllenglut, von einem Wasserloch zum nächsten, bis ins Reich der Nabatäer, der Herrscher über das Land östlich des Jordan. In ihrer Hauptstadt Petra gab es Wasser für die durstigen Kameltreiber. Scheinbar unerschöpflich floss es in gewundenen Kanälen am Straßenrand. Jungen auf Eselsrücken ritten der Karawane voraus, um ihre Ankunft anzukündigen. Der Duft von Kardamom, Herdfeuern und brutzelndem Fleisch versprach lang entbehrten Genuss. Nach einer sanften Kurve standen die Neuankömmlinge dann vor Al Khazneh, dem "Schatzhaus", einem Bauwerk aus rosafarbenem Gestein. Die Karawane verschwand im Gewimmel des Markplatzes von Petra.

2000 Jahre später ist der Atem des antiken Petra über der Wüste im Süden Jordaniens immer noch zu spüren. Die Fassaden seiner Gebäude ragen aus Sandverwehungen. Man wandert zwischen ihnen umher und streicht über die behauenen Felsen. Das Gelände ist mit Scherben zarter nabatäischer Keramik übersät, die wie Eierschalen wirken und vom Besucher manchmal unbewusst zertreten werden. In der Stille des Morgens meint man, das Echo der altertümlichen Stadt zu vernehmen. Ich lausche diesem Nachklang, als die Beduinen auf ihren Kamelen vorbeiziehen. Ich höre ihn über dampfenden Teekannen wieder und im Gemurmel der Stimmen. Petras Charme ist die Präsenz seiner Vergangenheit.

Aber diese Anmut ist auch ihr Dilemma: Kann man eine antike Stätte am Leben erhalten, ihre Geheimnisse entdecken - und gleichzeitig ihre Vergangenheit vermarkten?

Wie andere Nomadenvölker haben auch die Nabatäer den Historikern nur wenig hinterlassen. Vermutlich wanderten sie einige Jahrhunderte vor Christi Geburt von Arabien nach Palästina. Hohe Kultur und beträchtlicher Wohlstand prägten ihre Hauptstadt im 1. Jahrhundert vor Christus: Petra war eine natürliche Festung auf dem Weg durch die zerklüfteten Berge. Und ein unentbehrlicher Handelsknotenpunkt. Nach dem Untergang des griechischen Reichs dominierten die Nabatäer diesen Teil des Mittleren Ostens mehr als vier Jahrhunderte lang. Erst als sie von den Römern bezwungen wurden und ihre Kultur neben der byzantinischen verblasste, verlor sich ihre Spur in der Geschichte. Die Überreste ihrer Töpferwaren zeigen uns die Nabatäer als Künstler. Berichte aus ihrer Zeit beschreiben sie als Händler und kluge Kaufleute.


(NG, Heft 8 / 2003)
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