Still ruht der See. Gegenüber vom Verein für Deutsche Schäferhunde habe ich ihn durchs Gebüsch blinken sehen. Am Sportplatz geht es ein paar Stufen hinunter. Niemand da. Bartmeise und Teichrohrsänger rufen. Am Ufer ein kleines Schild: Klärteich 12. Das sagt dem Fremden nichts. Klärteich 12 ist der Katastrophenort, der Höllenschlund. Am 24. Oktober 1963 brach das bis zum Rand gefüllte Becken ein, 460 000 Kubikmeter Wasser und Schlamm schossen in die Erzgrube Mathilde, eine Menge wie von 250 Hallenbädern. Ohrenzeugen hörten das dumpfe Gurgeln einer gigantischen Badewanne. Mathilde soff ab, 29 Bergleute ertranken, 79 konnten sich retten. Drei Gruppen wurden nach und nach geborgen, die letzten elf Männer - schon für tot erklärt - erst nach zwei Wochen. Dass der Bohrer in 60 Meter Tiefe den nur fünf mal zwei Meter breiten und fünf Meter großen Hohlraum mit den Überlebenden traf, glückte nach grotesken Zufällen: Das Wunder von Lengede ging um die Welt.
Aus Braunschweig bin ich gekommen, habe mitten im Ort den Hinweis "Gedenkstätte" gesehen, mehr aus dem Augenwinkel. Ich fahre durch ein Gewerbegebiet, sehe eine Lore und finde endlich, weit hinten, den einsamen Ehrenhain. Hier war's also. Bohrloch 10. Ein Kreis mit Kies. Drinnen steckt ein Behälter, die berühmte Dahlbusch-Bombe. Damit wurden die nach oben gezogen, die Glück hatten. Aber viele mussten miterleben, wie ihre Kumpel vom Stein erschlagen wurden oder - eingeklemmt im Fels - bei vollem Bewusstsein ertranken. "Wir konnten sie nicht mehr bergen", steht auf einer Tafel. "Gott gebe ihnen Frieden." Dass ich auf der Suche nach Klärteich und Ehrenmal über das ehemalige Zechengelände gefahren bin, sehe ich erst auf einem Ölbild im Zimmer von Bürgermeister Hans-Hermann Baas. Damals dominierten Grube und Kumpel das Städtchen.
1977 war Schluss mit dem Abbau. Ans Industriezeitalter erinnern eine begrünte Abraumhalde und Straßennamen wie Schachtweg und Glückauf-Ring. Das Verwaltungsgebäude, während der Katastrophe Lagezentrum, beherbergt heute das Restaurant "Die Grube"; die Waschkaue, wo sich die Kumpel umzogen, muss mir mangels Hinweisen der Dorfchronist Walter Cleve zeigen. Heute steht hier die Disko "Skorpion". Ich suche Bruchstücke zusammen. Nicht mal ein kleines Museum erinnert an den Oktober 1963. Das Wahrzeichen der Grube Mathilde, der 42 Meter hohe Förderturm, ist 1979 gesprengt worden. "Heute würde man damit anders umgehen", sagt der Bürgermeister. Das Grubengelände wurde Gewerbegebiet. Schmuckstück jedoch sind die Lengeder Teiche, ein Naturschutzgebiet von mehr als 200 Hektar: die Senken des ehemaligen Tagebaus und der späteren Klärteiche. Nur eine tiefe Ausbuchtung verrät den Krater, wo die Flut damals in den Schacht rauschte.
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