Vergrößern
Die Flasche Rum ist fast leer, als Jacobo Morales seinen Bühnenmonolog beendet. Weitschweifig hat er erklärt, was es bedeutet, Puerto-Ricaner zu sein. Vorher hatte er angestoßen auf die "großartige amerikanische Nation, deren stolzer Staatsbürger ich bin". Mit einem neuen Trinkspruch schlägt seine Stimmung um: "Was ich bin, ist Ameri… Puerto-Ricaner!" Und weiter: "Puerto-Ricaner und Ameri… Ich bin Realist, denn was ich fühle, ist eine Sache, was praktisch ist, eine andere. Ich fühle, dass ich zuallererst und immer Puerto-Ricaner sein werde. Aber was ist mit der Sozialhilfe?" Erst mit dem letzten Schluck aus der Flasche ist für Morales alles klar: "Viva Puerto Rico libre!" Es lebe das freie Puerto Rico!
Morales ist nicht irgendein benebelter Kneipenphilosoph, sondern Puerto Ricos führender Filmregisseur und außerdem Mitglied von "Los Rayos Gamma", den Gammastrahlen, einer Gruppe alter Freunde, die gemeinsam politisches Kabarett machen. "Die letzte Zeile bringt das Publikum zum Toben", berichtet er zufrieden. "Ich spreche als Otto Normalverbraucher, aber auch ein Mittelklasse-Publikum in San Juan würde die Idee der Unabhängigkeit feiern." Tief im Innern seien alle Puerto-Ricaner sehr nationalistisch, sagt Morales. "Auch wenn sie nicht entsprechend wählen."
  Vergrößern
"Deshalb schließen wir am Wahltag Bars und Kneipen", bemerkt zynisch ein Regierungsbeamter in der Hauptstadt San Juan, als ich ihm von Morales' Programm erzähle: "Sonst würde das ganze Land für die Unabhängigkeit stimmen." Auf diese Weise zur Nüchternheit gezwungen, bildet Puerto Rico seit 1952 eine Staatengemeinschaft mit den USA. Die Insel ist so etwas wie eine Kolonie der Vereinigten Staaten. Puerto-Ricaner sind Staatsbürger der USA, obwohl die Inselbewohner nicht an Präsidentschaftswahlen teilnehmen und keine staatliche Einkommensteuer zahlen. Sie sind zwar im Kongress vertreten, haben aber kein Stimmrecht.
Die US-Regierung kümmert sich um Verteidigung und Außenpolitik und zahlt Sozialhilfe (fast 60 Prozent der Puerto-Ricaner haben Anspruch darauf). Andererseits verwaltet sich Puerto Rico auf lokaler Ebene selber.
  Vergrößern
Offensichtlich wehrten die Puerto-Ricaner alle Versuche ab, sie zu einem Teil der USA zu machen. Englisch wurde nicht ihre Muttersprache. Und in den USA verbreiten sie seit einigen Jahren sogar erfolgreich ihre eigene Kultur: Latino-Sänger wie Ricky Martin, Jennifer Lopez oder Marc Anthony sind längst Superstars der amerikanischen Popmusik. Sportereignisse und Schönheitswettbewerbe sind die einzigen internationalen Veranstaltungen, an denen Puerto Rico als unabhängige Nation teilnimmt - und deshalb von höchster gesellschaftlicher Bedeutung.
Als im Mai 2001 Denise Quiñones als vierte Puerto-Ricanerin zur "Miss Universum" gewählt wurde, fiel das ganze Land in einen nationalen Rausch. Jubelnde Mengen schwenkten puerto-ricanische Flaggen und blockierten die Straßen von San Juan. Am nächsten Tag wurde noch mal gefeiert: Der Boxer Felix Trinidad war Weltmeister im Mittelgewicht geworden. Ein Jahr zuvor hatten Fans auf einer Siegesfeier für Trinidad die Organisatoren gezwungen, die US-Fahne von der Bühne zu nehmen. "Das ist unser Sieg", riefen sie.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus