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Angstvoll aufgeregt warten Hunderte Schaulustige an diesem kalten Dezemberabend hinter den Absperrungen auf dem Lienzer Hauptplatz. Bei jedem Geräusch fahren ihre Köpfe herum. Sankt Nikolaus erscheint mit einer Schar von Engeln, macht eine Runde um den Platz und verteilt Gaben an die Wartenden. Doch die meisten Blicke sind angespannt auf die nur spärlich beleuchtete Nebenstraße gerichtet, aus der jeden Augenblick die ersten "Kleibeif" - so nennt der hiesige Dialekt die Monster im Plural - stürmen werden.
Plötzlich erbebt die Luft, Glockenlärm übertönt jedes Wort. Wie rasend vor Wut toben etwa 20 Ungeheuer mit animalischer Entschlossenheit auf die Leute zu. Ihre fratzenhaften Masken aus Zirbenholz, die "Larven", wirken im Halbdunkel, als lebten sie. Manche springen auf die Absperrung und greifen nach den Leuten, die entsetzt zurückweichen. Nie zeigt sich ein "Klaubauf" ohne Maske. Niemand weiß, ob er das "Opfer" kennt, auf das er gerade zuspringt.
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In Lienz sind die Zuschauer hinter den Absperrungen in Sicherheit. Deshalb wagen sich auch Touristen hierher und können die "Kleibeif" sehen, ohne selber Blessuren zu riskieren. Doch zum "Raufplatz", der einzigen Lücke im Zaun, wagen sich fast nur Einheimische. Wer dort steht, den greift bald ein Maskierter an, zerrt ihn auf den Platz und wirft ihn mit einer geschickten Drehung zu Boden. Wer sich wehrt oder gar einen "Klaubauf" überwältigt, den verhauen die Ungeheuer umso heftiger. Manch einem reißen sie dabei die Kleider vom Leib. Denn der Klaubauf muss immer gewinnen - so war es immer, so muss es bleiben. "Wenn du die Larve aufsetzt, bist du nicht mehr du selber, du bist ein Viech", sagt Kurt Glänzer vom Lienzer Klaubaufverein.
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Er ist verantwortlich für den friedlichen Verlauf des Treibens, bei dem es immer wieder zu Verletzungen und Anzeigen kommt. Kein Wunder auch, dass Gerichtsakten aus dem 17. Jahrhundert die ältesten Belege für diesen Brauch sind. Das Klaubaufgehen bietet seit je Gelegenheit, männliche Kraft und Ausdauer zu demonstrieren. Manche Kostüme wiegen bis zu 30 Kilo, und bei Untersuchungen der Akteure wurden Puls- und Blutdruckwerte wie bei Leistungssportlern gemessen.
Um sich nicht an den umgehängten Glocken wund zu scheuern, lassen sich die "Kleibeif" die Tragegurte möglichst fest zuschnüren. Obwohl dies und die Masken das Atmen zur Qual machen, würde ein "Klaubauf" nie vor dem Publikum seine Maske lüften. "Die Anonymität ist etwas ganz Zentrales, bei allen Maskenbräuchen", erklärt der aus Matrei in Osttirol stammende Ethnologe Karl C. Berger. Als "Klaubauf" maskiert, konnte früher die nichtbesitzende Klasse unerkannt und ungestraft zeigen, wer der Stärkere ist. "Bei Anzeigen nach Verletzungen war nie feststellbar, wer der Täter war." Wer den Brauch miterleben will, muss eben auch seine Spielregeln akzeptieren.
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