Sahara: Mitten durch die große Leere

Artikel vom 01.04.2003  —  Autor: Michael Finkel  —  Bilder: Chris Anderson

"Die Hölle", sagt Mousaka. Er reckt einen Zeigefinger in die Luft und lässt ihn kreisen: "Dieses Land ist die Hölle." Ich sitze auf Mousakas Schoß. Mousaka sitzt auf Osimans Schoß. Osiman sitzt auf dem Schoß eines anderen. Jeder sitzt auf dem Schoß von jemandem. Wir sind auf einem Lastwagen in einem Meer aus Sand.

Unser Gefährt sieht aus wie ein Kipplaster, ist sechs Meter lang und knapp zwei Meter breit und weiß gestrichen. 190 Passagiere stapeln sich auf ihm, einer über dem anderen wie ein Haufen Wäsche. Menschen sitzen auf dem Dach der Fahrerkabine, auf der Ladefläche und dicht gedrängt auf ihrer Umrandung. Für Taschen ist kein Platz mehr, Wasserkrüge und anderes Gepäck mussten außen am Geländer befestigt werden. Es hat bereits mehrere Schlägereien um ein paar Zentimeter Platz gegeben. Jenseits des Lastwagens erstrecken sich 400 000 Quadratkilometer leeres Land. Es ist so gut wie unbewohnt.

Wie viele der Menschen auf dem Lastwagen verdient Mousaka seinen Lebensunterhalt, indem er Orangen, Kartoffeln und Datteln erntet. Die Narben in seinem Gesicht sehen aus wie Koteletten. Sie kennzeichnen ihn als Angehörigen des Volks der Hausa aus dem Süden des Niger. Mousaka hat zwei Frauen und vier Kinder, und um sie zu ernähren, ist er mit dem Lastwagen unterwegs zum nächsten Job. Außer ihm fahren Tuareg und Songhai, Dscherma und Fulbe, Kanuri und Wodaabe mit. Alle wollen nach Libyen. Dort ist die Dürre, die weite Teile Nordafrikas im Griff hält, nicht ganz so stark. Dort braucht man Erntearbeiter. Libyen ist zum gelobten Land geworden. Zu seiner Familie will Mousaka erst nach der Ernte zurückkehren, und die dauert von Januar bis Juli. Um aus dem Süden nach Libyen zu kommen, muss er zunächst das leere Land durchqueren. Das leere Land ist ein ungeheures Sandmeer im Zentrum der Sahara. Es umfasst den halben Niger, Teile von Algerien, einen kleinen Teil von Libyen und eine Ecke des Tschad.

Auf Karten der Sahara wird es in Großbuchstaben als TÉNÉRÉ bezeichnet. Der Begriff stammt aus der Sprache der Tuareg und bedeutet "Nichts", "Leere" oder "leeres Land". Die Ténéré ist ein totes Stück Erde, sagen viele. Schon das Wort mit seinen stachelähnlichen Akzenten wirkt irgendwie bedrohlich: Ténéré! Im Herzen des leeren Landes gibt es keinen Schatten, keinen Tropfen Wasser, keinen Grashalm. In weiten Teilen überleben nicht einmal Bakterien. Nachts ist es im leeren Land eiskalt, tagsüber sengend heiß. Und immer peitscht Wind über den Sand. Das Zentrum der Ténéré hat keinerlei markante Stellen und ist flach wie ein Brett. Man findet nicht einmal einen großen Stein.

Mousaka ist schon vier Tage im leeren Land unterwegs. Eine Woche hat er noch vor sich. Der Lastwagen hält nur für die Gebete. Seit Mousaka im leeren Land ist, hat er kaum geschlafen, gegessen oder etwas getrunken. Er besitzt keine Schuhe, keine Sonnenbrille, keine Decke. Seine Ohren sind mit Sand verstopft. Seine Kleidung ist zerfetzt, seine Füße sind geschwollen. "Die Wüste ist abscheulich", sagt er auf Französisch. "Die Wüste ist die Hölle." Dann spuckt er über das Geländer des Lastwagens aus, um den Sand loszuwerden, der sich in seinem Mund angesammelt hat.


(NG, Heft 4 / 2003)
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