Sahara: Nur Stein und Sand

Artikel vom 01.10.2003  —  Autor: Donovan Webster  —  Bilder: George Steinmetz

Der Fotograf George Steinmetz und ich sind auf einer 6000 Kilometer langen Expedition durch das Herz der Sahara. Es ist eine Region aus Sand und Stein, in der es so gut wie keine Straßen gibt. Sie wird von den Grenzen der Länder Niger, Tschad, Libyen und Algerien durchschnitten. Da wir keine Visa für Libyen und Algerien erhalten haben, müssen wir uns auf den Niger und den Tschad beschränken. Bei Kamelhirten, jungen Koranschülern, Regierungsbeamten und Kaufleuten spüren wir dem Rhythmus eines Lebens nach, das sich seit 1300 Jahren, seit den Tagen des Propheten Mohammed , kaum geändert hat.

Gestern haben wir Agades im Niger verlassen und sind in einer Kolonne allradgetriebener Fahrzeuge gen Osten gefahren. Hinter uns erhob sich das Minarett der Moschee sieben Stockwerke hoch über dem Gewirr der Straßen, in denen kleine Lehmziegelhäuser in der Sonne dösten. Einen Tag lang fuhren wir durch Buschland, bis wir eine felsige Anhöhe erreichten. Dahinter erstreckt sich die Ténéré , eine Landschaft aus Sand und Dünen, größer als Deutschland. In der Sprache der Tuareg bedeutet dieser Name "Nichts". Vom Wind angehäufte Dünenketten, 30 Meter hoch und mehrere Kilometer lang, verlaufen von Osten nach Westen. Die Ténéré ist wasserlos und gänzlich unbesiedelt - einsam, heiß und mit ihren gerundeten, beigen Konturen atemberaubend schön.

Wir sehen Tausende pfannkuchengroßer Fußabdrücke, offenbar die Spuren einer Kamelkarawane. Nach einer Stunde Fahrt kommt sie als lang gezogener, dunkler Fleck am Horizont in Sicht. Wir holen sie ein und halten an. Ich steige aus und betrachte den majestätischen Gang der Kamele. Der Anführer der Karawane winkt mir kurz zu. Dann beginnt das höfliche Hin und Her der traditionellen Begrüßung. Sein Name ist Abubakar. Er ist 35 und stammt aus der Savanne südlich von Agades. Ziel der Karawane sind die Oasen Fachi und Bilma. Dort wird Abubakar Salz aufladen, das in Trockenbecken gewonnen wird, und es etwa 600 Kilometer weit zu den Orten am Rand der Wüste transportieren. Südlich der Sahara erzielt man Höchstpreise für gutes Salz. Abubakar führt eine anderthalb Kilometer lange Karawane von etwa 500 aneinander gebundenen Tieren. Die 30-Tage-Reise nach Fachi und Bilma hat er bereits 19-mal gemacht.

Bei Sonnenuntergang halten die Männer an und verbeugen sich zum vierten der täglichen fünf vorgeschriebenen Gebete Richtungs Mekka. Dann geht es weiter. Die Männer teilen das Abendessen mit mir. Ein Tuareg namens Badu reicht mir eine Schüssel mit einer streng schmeckenden Mischung aus gemahlenem Getreide, Ziegenkäse und Wasser aus einem der Ziegenlederschläuche, die an den Packsätteln der Kamele hängen. "Iss auf", sagt er, "wir haben heute noch einen weiten Weg vor uns."


(NG, Heft 10 / 2003)
Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus