Samurai - Japans legendäre Krieger

Artikel vom 01.12.2003  —  Autor: Tom O'Neill  —  Bilder: Michael Yamashita und Ira Block

Bahn frei für den Samurai! Blicke senken sich, Menschen treten beiseite, ein Krieger schreitet hoch erhobenen Hauptes durch dichtes Gedränge. Wir sind auf einer Strasse in Edo, dem künftigen Tokio, Anfang des 18. Jahrhunderts. 100 Jahre früher, 100 Jahre später - die Szene sähe immer gleich aus, wäre Japan in seiner feudalen Ordnung verharrt. Auf der Straße ist ein Samurai nie zu übersehen. Zwei Schwerter, ein langes und ein kurzes, ragen aus seinem Gürtelbund.

Vorstellung beim Hikiyama-Festival in Nagahama

Bild: Michael Yamashita Vergrößern

Der Samurai gehört zur Kriegerklasse, Japans oberster Schicht. Nur er darf beide Schwerter tragen, Symbole seiner Macht über Leben und Tod. Über dem Kimono trägt er eine fließende, rockähnliche Hose und eine kurze lose Jacke. Die Schädeldecke ist rasiert, das seitlich und am Hinterkopf verbliebene Haar zu einem dandyhaften Knoten zusammengebunden. Der Samurai ("Der, der dient") hat alle Zeit der Welt. Der Staat fordert von ihm keine Arbeit, nur ab und zu sucht er von sich aus eine Beschäftigung, um seine jährliche Reisration aufzubessern. Man verlangt von ihm lediglich, kampftüchtig zu bleiben und die Regierung in schwierigen Zeiten zu verteidigen. Sollte aber ein einfacher Bürger es wagen, ihm keinen Respekt zu zollen - etwa einen Befehl nicht zu befolgen oder an sein Schwert zu stoßen -, so hat der Samurai das (selten wahrgenommene) Recht, den Undankbaren auf der Stelle zu töten.

Kriegerische Darstellung der Samurai auf einem Wandschirm

Bild: Ira Block, Schlossmuseum Osaka/JNTO Vergrößern

Das herrische Wesen ist den Samurai in die Wiege gelegt. Schließlich beherrschte ihre Kriegerkaste die japanische Geschichte fast 700 Jahre lang, von 1185 bis 1867. Ihr Regime war unbarmherzig und brutal, zugleich aber reich an Kultur - so wie das Alte Rom und das mittelalterliche Europa. Wie die europäischen Ritter bildeten die Samurai eine militärische Elite aus Klanführern und loyalen Söldnern, die für sie kämpften. In Japan war der Kaiser traditionsgemäß die höchste Autorität. Doch je mehr die Macht der Samurai wuchs, umso mehr wurde der Kaiser zu einer Marionette. Er geriet in den Schatten des Shoguns, des obersten Befehlshabers, der zu einer Art Militärdiktator wurde. Wie die Ritter trugen die Samurai eine Rüstung, griffen zu Pferd an, kämpften mit Schwert und Lanze, belagerten Burgen und lebten nach einem Ehrenkodex. Was sie von den Rittern unterschied, war die Dauer ihrer Macht.

Sie endete erst, als amerikanische Kriegsschiffe in japanische Häfen einliefen und so die Unfähigkeit des Shoguns zur Landesverteidigung bloßlegten. Truppen sammelten sich um einen neuen Kaiser und schlugen die Armee des Shoguns. Die Herrschaft der Samurai war zu Ende.

Nachspielen der Schlacht von Kawanakajima

Bild: Michael Yamashita Vergrößern

Mit Festivals und Ausstellungen feiert Japan im Jahr 2003 den Beginn der Edo-Ära (1603-1867) vor genau 400 Jahren. Es war die Epoche, in der die Samurai auf den Höhepunkt ihrer Macht und Privilegien gelangten. Der letzte Samurai heißt ein Hollywood-Streifen über die letzten Tage der japanischen Krieger in der Nach-Edo-Ära. Der Samurai lebt also noch immer. Spaziert man durch eine japanische Groß- oder Kleinstadt, begegnet man mit schöner Regelmäßigkeit dem Bild des hochmütigen Kriegers. Sein Konterfei und seine Waffen zieren Actionfilmplakate, Museumstransparente und Titelseiten von Comics. In Schaufenstern kündigt er mit Rüstung, Helm und Schwert den "Tag des Kindes" an: den Tag, an dem Familien die Gesundheit und Vitalität - den inneren Samurai - ihrer Kinder, besonders der männlichen, feiern.


(NG, Heft 12 / 2003)
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