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Zur Mittagsstunde liegen die Straßen von Dschidda still und verlassen. Nur gelegentlich erinnert mich ein einsamer Passant daran, dass mehr als zwei Millionen Menschen in den Apartmenthochhäusern und Vierteln dieser Stadt leben, die sich strahlenförmig vom Ufer des Roten Meers ins Landesinnere ausbreitet. Dschidda ist die zweitgrößte Stadt im Königreich Saudi-Arabien, sein Wirtschaftsmotor, geschäftigster Hafen und seine weltoffenste Metropole. Doch jetzt, während des Fastenmonats Ramadan, ist tagsüber jegliche Sinneslust untersagt.
Die Saudis bleiben in den Gebäuden, um zu beten und zu fasten; oder sie ziehen sich für ein Schläfchen in die kühlen, abgedunkelten Gemächer ihrer Häuser zurück. Nachts ist das ganz anders. Kaum ist die Sonne am Horizont versunken, dehnt man in den Städten Saudi-Arabiens mit einem schläfrigen Gähnen die Glieder. Schon kurz darauf stürzen sich die Saudis in eine rastlose Abfolge von Verabredungen, Einkäufen und üppigen Mahlzeiten.
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Noch um drei Uhr in der Früh sind die Autobahnen und Boulevards kilometerweit mit großen Fahrzeugen meist amerikanischer Bauart verstopft. Sie sind zu den bis Sonnenaufgang geöffneten Shopping-Malls unterwegs. Dschidda zu mitternächtlicher Stunde treibt die Paradoxien des heutigen Saudi-Arabien auf die Spitze: "Wir werden gleichzeitig in zwei gegensätzliche Richtungen gezogen", sagt die Neurologin Suad al-Yamani. Sie stellt bei ihren Patienten die Verstörungen eines gesellschaftlichen Wandels fest, der diese konservative Gesellschaft binnen weniger Jahrzehnte vom 7. ins 21. Jahrhundert katapultiert hat. Bei diesem Prozess steht unermesslich viel auf dem Spiel.
Saudi-Arabien ist nicht irgendein Land, dessen Traditionen durch Veränderungen auf den Prüfstand gestellt werden. Wegen der für die Muslime heiligen Städte Mekka und Medina ist es der wichtigste Hüter des Islam und die spirituelle Heimat für die 1,3 Milliarden Muslime, die es auf der Welt gibt.
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Saudi-Arabien wird von einer Stammesmonarchie regiert, die sich auf die Scharia stützt, das islamische Recht. Das Königreich ist ein wichtiger Verbündeter der USA und kontrolliert 25 Prozent der bekannten Ölreserven der Welt. Aus diesem Grund ist die königliche Familie außerordentlich wohlhabend, einflussreich - und angefeindet. Dieses Land ist auch der Geburtsort von Osama bin Laden und 15 der 19 Attentäter des 11. September 2001. Dem Land wird vorgeworfen, den Terrorismus zu fördern, doch es liegt selber im Visier von bin Ladens Terrororganisation al-Qaida: Vor fünf Monaten wurden bei Bombenanschlägen in der Hauptstadt Riad 34 Menschen getötet. Heute ist Saudi-Arabien das Epizentrum eines kulturellen und geopolitischen Erdbebens: des Aufeinandertreffens von Islam und moderner Welt, von Stammessitten und Konsumrausch im Handyzeitalter, von sagenhaftem Reichtum und Sinnkrise. Was mit den Saudis und ihrem Ölreichtum und den daraus folgenden Verwerfungen in der Welt des Islam geschieht, wird auf dem gesamten Globus zu spüren sein.
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